Idol
versprochen zum Zeichen, daß
wir gesund und munter gelandet sind.«
»Ich denke, sie ist zerschellt.«
Er lacht.
»Nicht die Galeere ist zerschellt, du Dummchen, sondern das Boot zum Landen.«
»Laßt mich das Blut von Eurer Wange abwischen, Signore.«
»Das trocknet von allein. Hilf lieber Vittoria beim Ausziehen und reib sie ab. Ich geb dem Fürsten zu trinken.«
Ich gehe auf die andere Seite des Vorhangs, aber die Signora ist schon im Evaskostüm und trocknet sich allein ab. Ich drehe
ihr Haar zusammen, wickele es in ein Handtuch und halte es nach hinten weg, damit sie sich auch den Rücken reiben kann.
»Wie geht es ihm?«
»Besser, Signora. Er hat die Augen auf, und der Wein wird ihn wieder völlig beleben.«
»Gott sei gelobt«, flüstert sie.
Ich an ihrer Stelle hätte Gott nicht gelobt, nicht einmal leise.
»Signora, um Euer Haar richtig zu trocknen, müßtet Ihr Euch ans Feuer setzen und dort eine Weile ausharren.«
»Eine Weile ausharren? Wo er sein Leben riskiert hat, um zu mir zu gelangen?«
In Windeseile zieht sie ein Hauskleid über, das sie selbst aus der Truhe zerrt, während ich ihr Haar hochhalte. Als sie fertig
ist, lege ich ihr ein zweites Handtuch über den Rücken und lasse das Haar herab, dessen Feuchtigkeit bald durch Tuch und Kleid
dringen wird. Doch was kann ich dafür?
Ich erkenne die Signora nicht wieder. Wer hat gesagt, ihre blauen Augen blickten kalt? Im Halbschatten des Zimmers, das nur
vom roten Widerschein des Feuers erhellt wird, sprühen Flammen aus ihren Augen. Als sie auf die andere Seite geht – dorthin,
wo die Sünde auf sie lauert –, scheint es, als schwebe sie auf Wolken.
Ich fröstele und merke, daß auch ich bis auf die Knochen naß bin. Bevor ich mich ausziehe, lege ich Scheit auf Scheit |163| und entfache ein Höllenfeuer. Die Hölle droht uns allen vier, wenn man Pfarrer Racasi glauben darf, doch ich glaub ihm nur
zur Hälfte. Es ist schon schlimm genug, eines Tages sterben zu müssen. Wenn dazu noch das ewige Fegefeuer käme,
Madonna Santa
, wo bliebe da die Güte Gottes?
Hölle oder nicht … obwohl Marcello in meiner Nähe ist, quälen mich plötzlich finstere Gedanken, während ich meinen Körper
aus Mieder und Unterrock schäle. Mehr noch als Gott fürchte ich die Männer. Von dem Augenblick an, da die Signora zur Ehebrecherin
wird, ist Signor Peretti verpflichtet, sie zu töten. Und mich, ihre Komplizin, auch. Mehr noch: wenn ich in meiner Beichte
Pfarrer Racasi nicht sage, daß sie schuldig ist, würde ich falsch beichten und wäre verdammt. Dem nichtadligen Marcello droht
wegen Verkupplung seiner Schwester ebenfalls der Tod. Nur der Fürst wird davonkommen, weil er Fürst ist.
Dio mio!
Ist das gerecht?
Sowie ich nackt bin, schlägt meine Stimmung völlig um. Ich drehe und wende mich vor den wärmenden Flammen und spüre, wie mich
die Hitze gleichzeitig mit einem intensiven Gefühl der Freude durchdringt. Warum kann ich nicht glücklich und zufrieden leben,
ohne mir Fragen zu stellen? Wie ein hübsches Hündchen, vor dem Feuer ausgestreckt, die Schnauze zwischen den Pfoten?
Eine Hand hebt den roten Seidenvorhang: Marcello wechselt auf meine Seite. Ich unterdrücke den Drang, ihm entgegenzueilen.
Auf den ersten Blick habe ich gesehen: dies ist nicht der Moment, mich in seine Arme zu werfen. Für einen Mann, der mit knapper
Not dem Tod entronnen ist, wirkt er nicht mitgenommen, nicht einmal müde. Sein Gesicht zeigt keinen Ausdruck. Doch ich kenne
ihn. Wenn ich mich ihm jetzt nähere, stößt er mich zurück. Ich weiß, was ich zu tun habe: mich möglichst klein am Feuer zusammenrollen
und schweigen. Ich sehe ihn nicht einmal an.
Marcello zieht sich wortlos aus und wirkt wie abwesend, er breitet Wams und Beinkleider auf zwei Schemeln zum Trocknen aus.
Dann wärmt er sich – wie ich soeben – von allen Seiten am Feuer, was ihn anscheinend nicht so wohlig stimmt wie mich. Ich
blicke verstohlen zu ihm hin, aber nur kurz. Denn er ist sensibel wie eine Frau und errät alles. Ich spüre seine bärbeißige
Laune und befürchte schon, er läßt mich die ganze |164| Nacht so vor dem Kamin kauern, ohne mich anzurühren. Dabei hat er das alles angezettelt! Von Anfang an! Ohne ihn hätten die
Ereignisse dieser Nacht nicht stattgefunden. Nun steht er da, stocksteif, stumm und verkrampft. Was sind diese Leute doch
kompliziert! Er und die Signora geben ein hübsches Paar! Dabei kann ich die Signora, die eine Frau
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