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Im Schatten des Pferdemondes

Im Schatten des Pferdemondes

Titel: Im Schatten des Pferdemondes Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Evita Wolff
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zu nehmen und so schnell nicht mehr loszulassen. Sein Verstand setzte ein und sagte sehr laut: Vergiß es. Sag irgendwas Belangloses, damit sie nicht merkt, wie's in dir aussieht.
»Ja«, sagte er statt dessen, »haben Sie. Sie haben mich erschreckt. Ich ... ich habe wirklich nicht damit gerechnet... aber ... aber es ist... schön, Sie wiederzusehen.«
Vergiß nicht: Dies ist ein zufälliges Zusammentreffen. Elaine will einfach nur höflich sein.
Dann fühlte er einen kleinen Stoß in seinem Rücken, und bevor er sich umwandte, nickte Claire Elaine mit einem breiten, spitzbübischen Lächeln zu und sagte unschuldig wie nebenbei: »Ich will nach einem Paar Hausstiefel für David suchen. Ihr jungen Leute braucht ja nicht auf mich zu warten. Wir treffen uns schon wieder irgendwo. – Sie kommen doch auf einen Sprung mit zu uns, Elaine?« Sie wandte sich zu Eric, nahm ihm den Teebecher aus der Hand und fügte hinzu: »Trinken Sie lieber einen Schluck Glühwein, mein Junge. Sie sind wirklich blaß.«
»Sehr gern.« Elaine schob ihren Arm unter Erics, und von diesem Augenblick an bekam für ihn alles eine unglaubwürdige, traumhafte Qualität. Hilflos und überrumpelt faßte er neben ihr Tritt in dem Gefühl, ein Opfer seiner Wunschvorstellungen zu sein. Alles wirkte auf einmal verschwommen und schimmernd, als wate er durch Nebel. Aber da war ihre Wärme an seiner Seite, das war ganz und gar unleugbar. Er blickte auf die ungebändigte Flut der langen dunkelroten Locken hinab, auf das helle, ebenmäßig geschnittene Gesicht, in dem noch der Glanz des Lächelns tanzte. Er sah sie an und konnte nicht glauben, daß sie an seiner Seite ging und sich sogar ein ganz klein wenig an ihn schmiegte. Sicher würde gleich etwas geschehen, das ihn aus diesem Traum aufrüttelte.
Aber es geschah nicht.
Er hatte etwas sagen wollen, doch es wurde nicht mehr als ein trockenes Räuspern.
»Hören Sie auf Claire.« So deutlich hatte er noch keine Stimme im Traum gehört. Sie setzte leise hinzu: »Trinken Sie einen Schluck.« Das Lächeln und der Blick, die die Worte begleiteten, raubten ihm den Atem. Es war kein Traum. Er gehorchte, immer noch wie in Trance. Er trank, und die heiße Flüssigkeit floß brennend durch seine Kehle und breitete sich wohltuend warm in ihm aus. Leben kam in ihn. Sein verdutztes Herz schlug machtvoller als je zuvor, und seine Stimme gehorchte ihm wieder. »Wo ist denn Ihr Freund?« fragte er so beiläufig wie möglich.
»Mein Freund? Wen meinen Sie?« Sie waren an den Außenbezirk des erleuchteten Marktplatzes gelangt und blieben auf der Grenze zwischen winterlicher Dunkelheit und sanftem Lichterglanz stehen.
Er drehte sich zu ihr. »Den Mann, mit dem Sie im Restaurant waren. Im Prince Charly«, betonte er nachdrücklich.
Sie stutzte, sagte »Oh – aber!« und schüttelte den Kopf. »Geben Sie mir einen Schluck?« Sie nahm den Becher aus seiner Hand und sah zu ihm auf. »Ich dachte, Sie wären gar nicht mehr hier.«
»Nun, es ist immer noch die Stute. – Wollen Sie meine Frage nicht beantworten, Elaine?« Seine Stimme klang bittend.
»Doch, natürlich.« Sie lächelte nachdenklich in den Becher. »Er ist schon ein Freund, aber nicht so, wie Sie das zu meinen scheinen ... Er ist mein Halbbruder.« Fast traute er seinen Ohren nicht.
»Erwähnte ich das nicht?« fuhr Elaine fort. »- Hm, nein, Sie waren ja gleich wieder fort. Alan und ich. sehen uns nicht sehr oft; er hat eine Praxis oben im Norden, aber wenn wir uns treffen können, veranstalten wir immer so etwas wie eine kleine Feier. Und das Prince Charly ist wirklich sehr nett, gutes Essen und hervorragende Weine. Hat er Sie etwa beunruhigt?«
Er beobachtete, wie sie den Becher geistesabwesend drehte, und an der Stelle trank, die seine Lippen berührt hatten. Sanft nahm er ihre Hände zwischen seine, als sie den Becher absetzte. »Er hat mich beunruhigt«, sagte er leise. »Sehr.«
Und er blickte auf den Plastikbecher zwischen ihren Fäustlingen, in dem die tiefrote Flüssigkeit langsam auskühlte, auf die Stelle, die jetzt einen Hauch von Lippenstift trug. »Sehr«, wiederholte er, nahm ihr den Becher ab und goß den Wein in den Schnee. Den leeren Becher steckte er in seine Manteltasche.
»Davon abgesehen ...« Er schwieg, und in Gedanken fügte er hinzu: Davon abgesehen ... ist da noch das andere. Elaine beobachtete ihn mit glitzernden Augen. Die Intensität, die von ihm ausging, war erregend und auch ein wenig erschreckend, aber die Schüchternheit, hinter

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