Infantizid
einem Stück Sehne. Die Ãrzte konnten den Finger zwar retten, allerdings ragte er seitdem 90 Grad über die anderen Finger der linken Hand. So eine Art Verkrüppelung. Als wir das erfuhren, gingen wir wieder zu seinem ehemaligen Arbeitskollegen, um ihn darauf anzusprechen, denn Leichenkolbe war ein Verdacht gekommen. Der Kollege sagte uns, dass er von dem Vorfall gewusst hatte. Das Lenken seines Lkws bereitete Arndt mit diesem krummen Finger immer groÃe Schwierigkeiten. Er lieà sich seinen linken Zeigefinger deshalb 1995 von einem Chirurgen abnehmen.«
Alle im Raum schauten sich an und warteten auf eine Erklärung.
»So habe ich auch geguckt. Seht nicht uns an, sondern auf die Bilder! Dank unseres genialen Kollegen hier, Oberkommissar Leichenkolbe, der mich darauf aufmerksam machte, kann man erkennen, dass der tote Mann dort auf den Fotos an beiden Händen noch alle fünf Finger hatte. Somit ist erwiesen, dass der da nicht Peter Arndt war.«
Als Stüpp am Vortag, am Dienstag, vor dem Gebäude des Bundesinnenministeriums in Berlin gestanden war, war ihm klar geworden, dass es hier unmöglich sein würde, an den Minister heranzukommen. Das Haus in Alt-Moabit 101 D war ein riesiger Glasbau, der entfernt an ein Hufeisen erinnerte.
Stüpp war vom Bahnhof Zoo mit der S-Bahn bis zur Station Bellevue gefahren und den Rest des Weges zu Fuà gegangen. Durch geschickte Fragen am Empfangsbereich des Ministeriums hatte er etwas Entscheidendes herausbekommen: Der Bundesinnenminister befand sich am Mittwoch im thüringischen Weimar. Dort traf er sich mit den Innenministern der Länder der Bundesrepublik Deutschland zu einer turnusmäÃigen Sitzung. Noch am selben Abend hatte sich Stüpp ein Auto gemietet und war ebenfalls nach Weimar gefahren. Er bezahlte mit dem Geld, das Zbigniew ihm zum Abschied gegeben hatte. Es war nicht weiter schwierig herauszufinden, in welchem Hotel der Minister übernachten würde. Nach einem Anruf beim Informationsdienst der Stadt kamen nur drei geeignete Hotels infrage: der âºRussische Hofâ¹, das Hotel âºElephantâ¹ und das âºHiltonâ¹. Als Stüpp heute früh in der Belvederer Allee 25 vor dem Hotel âºHiltonâ¹ die dort geparkten Fahrzeuge näher betrachtete, war er sich sicher. Das Vorauskommando des Ministers war mit gepanzerten Pkws bereits eingetroffen und bereitete den Besuch vor. Stüpp checkte ein und bekam ein Zimmer im vierten Stock, drei Etagen über dem im Erdgeschoss befindlichen Schönheitssalon. Er nahm die Treppe und durchschritt jedes einzelne Stockwerk. In der dritten Etage wurde er darauf aufmerksam gemacht, dass der hintere Teil für alle Gäste gesperrt war. Damit war klar, wo der Minister die Nacht verbringen würde. Jetzt lag Stüpp auf seinem Bett und dachte darüber nach, wie und wann er zum Bundesinnenminister vordringen konnte. Nach zwei Stunden stand sein Plan fest. Er wollte es in der Nacht zum Donnerstag versuchen, zwischen 2 und 3 Uhr morgens.
Dem Mann, der in Weimar im Hotel âºHiltonâ¹ auf seinem Bett lag â der vor drei Tagen aus einem Flugzeug in der Nähe der polnischen Grenze zu Litauen gesprungen war und mithilfe eines Polen illegal Deutschland betreten hatte â fehlte der Zeigefinger der linken Hand. Er hieà mit wirklichem Namen Peter Arndt.
Etwa zur gleichen Zeit bekamen die Kriminalpolizisten in Bräunigs Büro für einen Moment den Mund vor Staunen nicht zu. Diese Entdeckung war eine echte Neuigkeit. Polizeimeister Klimm fasste sich zuerst.
»Und wer ist der Tote auf dem Bild? Warum wurde Arndts Tod vorgetäuscht und wo hält er sich seit 1999 auf?«
Hauptkommissar Bräunig lockerte den Knoten seiner Krawatte, als bekäme er zu wenig Luft. Er rieb seine Augen, als er sagte: »Den Toten, der auf den Bildern zu sehen ist, zu identifizieren, wird kaum noch möglich sein. Er wurde ja eingeäschert. Wenn unsere Ermittlungen abgeschlossen sind, informieren wir die Berliner Kollegen. Vorher auf keinen Fall. Sollen die ihr Glück bei der Identifizierung versuchen. Was wissen wir? Arndts Tod wurde inszeniert, damit eine andere Person seinen Namen annehmen kann, in unserem Fall Jentzsch. Im Ausweis steht eine Adresse, die es nicht gibt. Eventuelle Nachfragen zu dieser Person, von wem auch immer, führten ins Nichts. Er durfte nur nicht bei Behörden, wie zum Beispiel der Polizei,
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