Joseph und seine Brüder: Vier Romane in einem Band (Fischer Klassik Plus) (German Edition)
bombastischem Fuchteln und schallenden Blähreden von des Vaters Liebe zu ihm und von Rotpelzchens großem Tage, daß die Hofleute sich nur so bogen und krümmten und Tränen lachten und den eigenen Leib mit den Armen umschlangen vor Lachen. Aber da er gar abzog mit seinem Frikassee und es vor sich hertrug wie’s Tabernakel und wieder so possenhaft die Beine warf, immerfort prahlend bis vor des Vaters Zelt, da schrien sie vor Jubel, klatschten und stampften und wurden dann still. Denn Esau sagte am Vorhang:
»Ich bin’s, mein Vater, und bringe dir, daß du mich segnest. Willst du, daß ich eintrete?«
Und Isaaks Stimme kam heraus:
»Wer ist’s, der Ich sagt und will herein zum Blinden?«
»Esau, dein Rauhrock, ist’s«, antwortete dieser, »hat gejagt und gekocht zum Zwecke der Stärkung, wie du’s befohlen.«
»Du Narr und Räuber«, tönte es da. »Was lügst du vor mir? Esau, mein Erster, war längst schon da, hat mich gespeist und getränkt und hat den Segen dahin.«
Da schrak Esau zusammen, daß er beinah die ganze Tracht hätte fallen lassen und die Rahmbrühe überschwang aus dem Topf vom Zucken und Zutappen und ihn besudelte. Die Leute johlten vor Lachen. Sie schüttelten die Köpfe, weil es allzuviel war der Narretei, wischten sich mit den Fäusten das Wasser aus den Augen und schleuderten es zu Boden. Esau aber stürzte hinein in das Zelt, ungerufen, und dann war Stille, während welcher das Hofvolk draußen die Hände vor die Münder drückte und einander mit den Ellbogen stieß. Nicht gar lange aber, so gab es ein Gebrüll dort drinnen, ganz unerhörter Art, und Esau brach heraus, nicht rot, sondern veilchenblau im Gesicht und mit hocherhobenen Armen. »Verflucht, verflucht, verflucht!« schrie er aus Leibeskräften, wie man heute wohl rasch hervorstößt bei kleiner, ärgerlicher Gelegenheit. Doch damals und in des zottigen Esau Mund war es ein neuer und frischer Ruf, ursprünglichen Sinnes voll, denn er selbst war wirklich verflucht, statt gesegnet, und festlich betrogen, ein Volksspott wie keiner mehr. »Verflucht«, schrie er, »betrogen, betrogen und untertreten!« Und dann setzte er sich hin zu Boden und heulte mit lang heraushängender Zunge und ließ Tränen rollen, so dick wie Haselnüsse, während die Leute im Kreis um ihn standen und sich die Nieren hielten, so schmerzte sie der große Jokus, wie Esau, der Rote, geprellt ward um seines Vaters Segen.
Jaakob muß reisen
Dann war die Flucht gekommen, Jaakobs Entweichen von Haus und Hof, verfügt und ins Werk gesetzt von Rebekka, von dieser entschlossenen und hochsinnigen Mutter, die ihren Liebling daran gab und einwilligte, ihn vielleicht nie wiederzusehen, wenn er nur den Segen besaß und ihn in die Zeitläufte tragen konnte. Sie war zu klug und weitblickend, um nicht beim feierlichen Betruge vorherzusehen, was folgen mußte; aber wissend nahm sie es auf sich, wie sie es wissend dem Sohne auferlegte, und opferte ihr Herz.
Sie tat es schweigend, denn auch in ihrem das Notwendige vorbereitenden Gespräch mit Isaak herrschte Schweigen über das Wesen der Dinge und Vermeidung des Eigentlichen. Nichts entging ihr. Daß Esau in seiner wirren Seele Rache braute und mit allen Einbildungskräften, die ihm gegeben, darauf sann, das Errichtete umzustoßen, war sicher und stand sozusagen geschrieben von je. Die Art, wie er seine Kainssache betrieb, war ihr bald bekannt. Sie erfuhr, daß er mit Ismael, dem Mann der Wüste, dem Dunkel-Schönen, Verworfenen, meuterisch Fühlung genommen habe. Nichts konnte begreiflicher sein. Sie waren desselben benachteiligten Stammes, der Bruder Jizchaks, der Bruder Jaakobs; in denselben Fußstapfen gingen sie, unangenehm, ausgeschlossen; sie mußten einander finden. Es stand schlimmer, und die Gefahr reichte weiter, als Rebekka vorausgesehen, denn nicht nur auf Jaakob, auch auf Isaak erstreckten sich Esau’s Blutwünsche. Sie hörte, er habe dem Ismael vorgeschlagen, dieser solle den Blinden ermorden, dann wolle er, Esau, auf sich den Glatten nehmen. Er scheute die Kainstat, scheute sich, durch sie noch mehr und deutlicher er selbst zu werden. So wollte er, daß der Oheim vorangehe, ihm zur Ermutigung. Daß Ismael Schwierigkeiten machte, gab seiner Schwägerin Frist zum Handeln. Ihm gefiel das nicht. Empfindsame Erinnerungen an die Gefühle, die er dem zarten Bruder einst entgegengebracht und die den Vorwand zu seiner Entfernung hatten hergeben müssen, erschwerten es ihm, so hatte er angedeutet, die Hand
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