Kind der Hölle
hinauf. »Ihr werdet Schwester Clarence mögen«, hatte Vater Bernard, der Schulleiter, versichert. »Sie ist eine unserer besten Lehrerinnen und allgemein beliebt.«
»Ein ganz schöner Unterschied zu Shreveport, stimmt’s?« bemerkte Jared, als sie auf dem Korridor in der ersten Etage waren, der genauso trist wie der im Erdgeschoß aussah, mit dem einzigen Unterschied, daß es hier Schließfächer gab. Zwei davon waren den Zwillingen soeben zugeteilt worden. »Sie sind mit Kombinationsschlössern versehen«, hatte Vater Bernard erklärt, »und die Zahlenkombination muß im Sekretariat aktenkundig sein.« Dabei hatte er Jared streng angesehen, so als erwarte er nichts Gutes von seinen neuen Schützlingen. »Wir machen Stichproben, und wenn die Zahlenkombination eigenmächtig verändert wurde, hat das einen einwöchigen Schulausschluß zur Folge.«
Während Jared jetzt diese Schließfächer musterte, fragte er grinsend: »Glaubst du, daß ich für immer rausfliege, wenn ich ein Vorhängeschloß anbringe?«
Kim unterdrückte ein Lachen. »Wir müssen versuchen, das Beste daraus zu machen. Mom hat schon genug andere Sorgen.«
»Ich weiß«, seufzte Jared. »Trotzdem würde ich liebend gern Vater Bernards Gesicht sehen, wenn er ein Schloß nicht öffnen kann!«
Sie fanden ihr Klassenzimmer in der Mitte des langen Korridors, und Jared hielt seiner Schwester beim Eintreten die Tür auf. Die schwarz gekleidete Gestalt, die gerade etwas an die Wandtafel geschrieben hatte, drehte sich um und musterte sie durch ihre Brille.
»Ich bin Schwester Clarence«, verkündete sie, ohne zu lächeln.
»Ich bin Jared Con …«, wollte Jared sich und Kim vorstellen, doch die Nonne schnitt ihm das Wort ab.
»Ich weiß, wer ihr seid.« Sie deutete auf zwei Plätze in der zweiten Bankreihe. »Wir sprechen gerade über die Rolle des Vatikans im Zweiten Weltkrieg. Ihr habt die ersten zwei Wochen dieses Schuljahrs verpaßt, und ich erwarte von euch, den Lesestoff bis morgen aufgeholt zu haben.«
Sie wandte sich wieder der Tafel zu, und die Zwillinge schoben sich in die altmodische Bank. Hinter Jared saß Luke Roberts, der ihm sofort einen gefalteten Zettel zuschob.
Die hingekritzelte Botschaft lautete: Willkommen in St. Ignoramus!
Jared unterdrückte ein Lächeln und gab den Zettel an seine Schwester weiter. Doch Kim war unvorsichtig genug, leise zu kichern.
»Du wirst uns allen vorlesen, was auf diesem Zettel steht, Kimberley«, befahl Schwester Clarence, und ihr stechender Blick brachte Kim sofort zum Erröten.
»Ich … es ist nichts …!«
»Steh auf! In dieser Schule pflegt man aufzustehen, wenn man aufgerufen wird oder etwas sagen möchte.«
Mit weichem Knie und hochrotem Kopf stand Kim auf.
»Lies vor, was auf dem Zettel steht!«
Kim kaute an ihrer Unterlippe und schaute zu Jared hinüber, der ihr unmerklich zuzwinkerte. »Willkommen in St. Ignoramus«, murmelte sie.
»Ich kann dich nicht hören«, erklärte die Nonne eisig.
Kims Gesicht glühte. Ihr fast lautloses Kichern hatte die Nonne mühelos gehört!
Im Klassenzimmer herrschte Todesstille, während sie notgedrungen lauter wiederholte, was auf dem Zettel stand.
»Und das findest du komisch!« Es war keine Frage, sondern eine nüchterne Feststellung.
Kim schwieg.
»Findet sonst noch jemand das komisch?«
Obwohl Kim sich nicht umzudrehen traute, wußte sie genau, daß kein Schüler einen Finger rühren, geschweige denn die Hand heben würde. Doch dann sah sie aus dem Augenwinkel heraus, daß Jared aufstand.
»Ich«, sagte er ruhig.
Kim las nicht nur Überraschung, sondern auch kalte Wut in den Augen der Nonne, die jetzt ihren Bruder fixierte.
»Ihr beide findet es also amüsant, die Schule zu verhöhnen?«
»Es ist doch nur ein Wortspiel«, wandte Jared ein, »über das wahrscheinlich jeder schmunzelt.«
»Es ist respektlos und kann nicht geduldet werden. Ist das klar?«
Nach kurzem Zögern nickte Jared kaum merklich. »Ja.«
»Ja, Schwester Clarence«, wurde er korrigiert.
Kim spürte den Zorn, der in ihrem Zwillingsbruder aufstieg. Nicht, flehte sie ihn insgeheim an. Gib lieber nach.
Jared und die Lehrerin starrten einander feindselig an.
Kein Schüler wagte zu atmen.
Wieder bat Kim ihren Bruder stumm, aber um so eindringlicher, den Mund zu halten.
Schwester Clarences Augen funkelten bedrohlich hinter der stahlgeränderten Brille.
Jared reckte das Kinn, und Kim sah, daß seine Lippen Worte formen wollten, die ihm nur noch mehr Ärger einbringen
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