Kind der Hölle
schillerten in allen Regenbogenfarben, und das leise Plätschern wirkte beruhigend. Vielleicht würden sich in dem Auffangbecken sogar Goldfisch tummeln.
Ihre Vision wurde immer genauer, und plötzlich schwebte ihr ein riesiges Wandgemälde vor, das im Eßzimmer oder in einem anderen großen Raum die ganze Längsseite einnehmen würde. Sie wollte das Grundstück so malen, wie es ausgesehen haben mußte, als Teds Vorfahren das Haus erbaut hatten: gepflegte Gärten mit sorgfältig gestutzten Buchsbaumhecken und Azaleen-und Rosenbeeten; farbenprächtige Blumen und dazwischen Gartenstühle aus weiß gestrichenem Schmiedeeisen, auf denen anmutige Damen mit Sonnenschirmen sorglos plauderten …
Pointillismus! Ja, das wäre der ideale Stil für dieses Wandgemälde – französisch angehaucht, passend zum allgegenwärtigen Einfluß von New Orleans. Ein Georges Seu-rat nachempfundenes Werk, lichtdurchflutet und …
Lautes Klopfen an einer der Verandatüren riß Janet jäh aus ihren künstlerischen Träumen und erschreckte sie so, daß sie um ein Haar die Leiter umgestoßen hätte. »Hallo«, rief eine Stimme von draußen. »Ist jemand da?«
Janet rückte die Leiter zurecht und ging dann zur Verandatür. Sie schob den Riegel zurück und drückte auf die Klinke, doch die Tür ließ sich nicht öffnen, weil der Holzrahmen so stark verzogen war, daß die Glasscheibe zu springen drohte.
»Warten Sie!« riet die Stimme zur Vorsicht. »Ich drücke dagegen.«
Janet schloß die Tür, und die Besucherin schlug kräftig gegen die klemmende obere Ecke. Sie bekamen die Tür tatsächlich auf, ohne sie zu beschädigen.
»Ich hasse diese alten Holzdinger!« sagte Corinne Beckwith, während sie den Wintergarten betrat. »Die verdammten Rahmen klemmen immer. Vor 150 Jahren mag das alles ja toll in Schuß gewesen sein, aber heute lobe ich mir etwas Modernes, Pflegeleichtes – vorzugsweise aus anlaufgeschütztem Aluminium, das nicht rostet und nicht gestrichen werden muß.« Sie schaute sich um, und Janet konnte ihrer Miene ansehen, daß sie überlegte, wieviel Stunden die Säuberung noch in Anspruch nehmen würde.
»Die anderen Räume sind in demselben Zustand«, gab Janet zu.
Corinne schüttelte langsam den Kopf. »Ich weiß nicht«, seufzte sie, »wahrscheinlich ist es ja bewundernswert, daß Menschen wie Sie ein so gewaltiges Projekt wie die Restaurierung dieses Hause in Angriff nehmen wollen, aber ich glaube, ehrlich gesagt, daß die Einwohner dadurch nur in ihrem Vorurteil bestärkt werden.«
»In welchem Vorurteil?« fragte Janet verwirrt.
»Daß alle Conways verrückt sind«, grinste die Frau des Sheriffs.
Janet reagierte gereizt. »Wenn Sie nur hergekommen sind, um …«
Corinne hob beschwörend die Hände. »Entschuldigen Sie bitte, ich wollte nur einen kleinen Scherz machen.« Ihr Lächeln verschwand. »Es tut mir wirklich leid! Ich kann mir vorstellen, daß Sie nicht in der Laune für dumme Spaße sind, und eigentlich bin ich hier, um mit Ihnen über Ihre Pläne zu sprechen. Wenn Sie hier wirklich ein Hotel eröffnen wollen, werden Sie auf jede Hilfe angewiesen sein, die Sie bekommen können. Vater MacNeill dürfte nämlich nicht der einzige sein, der versuchen wird, Ihnen Knüppel zwischen die Beine zu werfen.«
»Aber er hat doch nur gesagt, daß einige Leute vielleicht Einwände erheben werden.«
Corinne hob zynisch die Brauen. »Das war nur eine Art Geheimcode, Janet.« Sie senkte die Stimme, so als befürchte sie, belauscht zu werden. »Ray, mein Mann, würde mich umbringen, wenn er wüßte, daß ich Ihnen das erzähle, aber Tatsache ist, daß Vater MacNeill nie mit offenen Karten spielt. Das hat er auch gar nicht nötig, denn fast alle Einwohner dieses Städtchens sind Katholiken, und wenn sie nicht selbst in St. Ignatius zur Schule gegangen sind, so tun es jetzt ihre Kinder. Vater Mack hat hier das Sagen, und wenn er Ihren Mann gewarnt hat, daß es Widerstand geben könnte, so heißt das im Klartext, daß er selbst diesen Widerstand organisieren wird.«
Janet warf ihr mit schiefgelegtem Kopf einen fragenden Blick zu. »Und Sie sind keine Katholikin?«
Corinne zuckte die Achseln. »Ich gehe Ray zuliebe in die Kirche, aber ich denke gern selbständig.« Sie vergewisserte sich nervös, daß sie mit Janet allein war. »Ray ist oft nicht glücklich darüber, aber so bin ich nun einmal.«
Janet fand die Frau plötzlich sehr sympathisch. »Möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee?«
»Wenn ich ihn trinken darf,
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