Kind der Hölle
während Sie mir das Haus zeigen. Seit ich als kleines Mädchen all die Schauermärchen gehört habe, brenne ich darauf, es zu sehen.«
Die Besichtigung dauerte fast eine Stunde, wobei sie allerdings zwischendurch kurz mit Molly spielten und Scout lobten, der auf die Kleine aufpaßte. Als sie endlich wieder in der Küche saßen und sich den Rest Kaffee teilten, gab Corinne ihre Ansicht zum Besten:
»Ihr Mann hat recht, es ließe sich ein fantastisches Hotel daraus machen.«
Janet hakte sofort nach. »Trotzdem klingt das nicht so, als wären Sie Feuer und Flamme für das Projekt.«
Mrs. Beckwith schürzte die Lippen. »Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber … reicht das Treuhandvermögen für alle Renovierungsarbeiten aus?«
Janet nickte.
»Und Ihr Mann kann ein Hotel leiten, solange er …« Corinne verstummte verlegen mitten im Satz.
Sie weiß es, dachte Janet. Sie weiß über Teds Problem Bescheid. Zorn stieg in ihr auf. Wer mochte es dieser Frau zugetragen haben? Oder hatte Corinne selbst herumgeschnüffelt und ihre Nase in Angelegenheiten gesteckt, die sie nichts angingen? Janet gebot ihren Gedanken genauso schnell Einhalt wie Corinne zuvor ihren unbedachten Worten. Sie rief sich ins Gedächtnis, daß in Kleinstädten wie St. Albans leider Gottes jeder über jeden Bescheid wußte. Leugnen wäre deshalb völlig sinnlos.
»Sie meinen – solange er nüchtern bleibt?« vollendete sie Corinnes Satz, und als die Frau nickte, atmete Janet tief durch. »Ja, solange er sich nicht betrinkt, kann er ein Hotel großartig leiten, und ich hoffe, daß er es schafft, nüchtern zu bleiben. Voraussetzung ist natürlich, daß wir die Genehmigungen erhalten. Gibt es sonst noch Probleme?«
Corinne entschloß sich, genauso aufrichtig wie Janet zu sein. »Ja, das Haus und die Familie Ihres Mannes«. Sie bestätigte somit Janets Vermutung, daß in der Stadt wilde Gerüchte kursierten. »Seit gestern laufen hier alle Telefone heiß, und es hat ganz den Anschein, als sei an der Geschichte, daß Cora Conway hochschwanger war, als ihr Mann starb, doch etwas Wahres. Mindestens ein halbes Dutzend Leute erinnert sich genau daran. Doch als man sie fand, war sie es nicht mehr! Es wurde vermutet, daß der Schock beim Anblick des Erhängten die Wehen ausgelöst hatte, und daß sie das Baby kurz darauf zur Welt brachte … Das Problem besteht nun darin, daß dieses Baby nie gefunden wurde. Es gibt auch keinen Eintrag im Geburtenregister.«
»Vielleicht war es eine Totgeburt«, warf Janet ein.
»Auch das wäre registriert worden. Und da ist noch etwas anderes: Erinnern Sie sich an den Mann, der gestern vor dem Friedhof stand – Jake Cumberland?«
Janet erschauerte willkürlich. »Den werde ich nie vergessen. Er starrte uns an, als haßte er uns, dabei kennt er uns überhaupt nicht.«
»Wahrscheinlich haßt er Sie wirklich«, bestätigte Corinne. »Seine Mutter war die Haushälterin von George und Cora Conway, und auch sie verschwand an jenem Tag.«
»Sie verschwand?« wiederholte Janet. »Was meinen Sie damit?«
»Ich weiß selbst nichts Genaues«, gab Corinne zu. »Es wird alles mögliche gemunkelt, und ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Offenbar war Jakes Mutter, sie hieß Eulalie, eine Art Voodoopriesterin.«
»Also wirklich …«, begann Janet, aber Corinne wehrte mit einer Hand ab.
»Lassen Sie mich ausreden. Nach allem, was ich gehört habe, glaubte Eulalie, in diesem Haus gehe etwas Böses vor – das sollten ihre Worte gewesen sein -, und sie beschloß, diesem Bösen Einhalt zu gebieten. Zu diesem Zweck fertigte sie eine Puppe an.«
»Eine Voodoo-Puppe?« murmelte Janet ungläubig. »Hören Sie mal, Corinne, an diesen Unsinn glaubt doch kein Mensch!«
»O doch, viele glauben daran«, widersprach Corinne. »Auch Eulalie Cumberland hat felsenfest daran geglaubt.«
Die Frau des Sheriffs fiel ihr wieder ins Wort. »Genaues wußte niemand, mit dem ich gesprochen habe, aber die Puppe existierte offenbar. Und in der Nacht vor George Conways Selbstmord hatte es im Garten gebrannt. Als er und Cora dann gefunden wurden, waren Eulalie und das Baby verschwunden.«
»Aber warum geben die Leute Teds Familie die Schuld, wenn sie andererseits glauben, daß Eulalie das Baby entführt hat?«
»Das glaubt niemand«, entgegnete Corinne. »Alle sagen, daß Eulalie ihren Sohn Jake nie allein zurückgelassen hätte. Er war damals noch ein Kind und hatte keinen Menschen außer seiner Mutter. Wenn sie St. Albans verlassen
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