Kind der Hölle
befürchtete er, daß sie kehrtmachen würde, aber sie schlich sich vorsichtig an, den Bauch fast am Boden.
Es war anstrengend, regungslos auszuharren, und Jakes Muskeln schmerzten.
Mit zuckendem Schwanz setzte die Katze langsam eine Pfote vor die andere. Sie blieb wieder stehen, immer noch außerhalb seiner Reichweite. Doch schließlich trug ihre Neugier den Sieg über ihre Vorsicht davon.
Sie kam immer näher …
Nahe genug!
Bevor die Katze reagieren konnte, schössen Jakes Arme blitzschnell nach vorne.
Seine Pranken schlossen sich um ihren Hals.
10. Kapitel
»Versprichst du, nach Muffin Ausschau zu halten?« fragte Kim, als Janet den Toyota am nächsten Morgen vor der St. Ignatius Loyola School parkte.
»Hör endlich auf, dir Sorgen zu machen«, riet Jared seiner Schwester, während er sich aus dem Rücksitz zwängte. »Sie ist eine Katze, und die tun bekanntlich, was sie wollen. Muffin wird nach Hause kommen, wenn sie genug gestromert hat.«
»Wenn sie nun aber versucht, nach Shreveport zurückzukehren?« jammerte Kim.
»Ich bin sicher, daß sie das nicht tut«, beruhigte Janet ihre Tochter. »Jared hat wahrscheinlich recht, aber ich verspreche dir, nach Muffin Ausschau zu halten.« Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. »Und jetzt sollten wir euch schnell anmelden, damit ich wieder zu Hause bin, bevor euer Vater …« Sie verstummte hastig, aber es war schon zu spät, denn sie sah, daß die Zwillinge einen beredten Blick tauschten und ihren unvollendeten Satz mühelos ergänzten: …zu trinken anfängt.
Aber vielleicht – hoffentlich! – war es ihm ja diesmal wirklich ernst mit den Beteuerungen, in St. Albans einen Neuanfang zu machen. Als sie vorhin aufgewacht war, hatte Ted nicht neben ihr gelegen, und einen Moment lang hatte sie – noch ganz schlaftrunken – jene Verzweiflung verspürt, die sie in den letzten Monaten schon mindestens ein halbes dutzendmal empfunden hatte, wenn sie morgens feststellen mußte, daß ihr Mann überhaupt nicht zu Bett gegangen war.
Meistens hatte sie ihn auf dem Wohnzimmersofa gefunden.
Einmal sogar in der Badewanne.
Und einmal war er gar nicht nach Hause gekommen. An jenem Morgen wollte sie gerade die Polizei verständigen, als er anrief und ihr weismachen wollte, er hätte bis spät in die Nacht gearbeitet und wäre schließlich erschöpft in einem Zimmer des Majestic eingeschlafen. Janet wußte natürlich, daß das eine Lüge war, aber sie tat so, als würde sie seiner Geschichte Glauben schenken.
Heute morgen hatte sie ihn im Erdgeschoß gefunden, damit beschäftigt, den abgewetzten Teppichboden im Eßzimmer zu entfernen, unter dem ein kunstvoll eingelegter Hartholzboden zum Vorschein kam. »Schau dir das nur mal an!« schwärmte er. »Es ist unglaublich – Eiche, verziert mit Kirsche, Walnuß und anderen edlen Hölzern! Er muß nur abgeschliffen und versiegelt werden.«
Und als sie nach einem improvisierten Frühstück die Zwillinge zur Schule fahren wollte, hatte er immer noch fleißig gearbeitet, während Molly in ihrem Laufstall glücklich mit einem Teppichfetzen spielte, den Ted ihr gegeben hatte. Zum erstenmal seit Jahren schöpfte Janet ein wenig Hoffnung, daß sich nun endlich alles zum Besseren wenden würde, doch dieser schwache Optimismus wurde von dem Wissen getrübt, daß Ted schon unzählige Versprechen gebrochen hatte.
»Kommt!« forderte sie jetzt die Zwillinge auf und eilte die Schultreppe hinauf. »Was zu Hause auch los sein mag, ich werde heute jedenfalls alle Hände voll zu tun haben. Ich verspreche aber, zwischendurch nach Muffin Ausschau zu halten.«
Jared sah seine schlimmsten Befürchtungen vollauf bestätigt, sobald sie das Schulgebäude betraten. Durch die Eingangstür gelangte sie auf einen langen, schmalen Korridor, der an jenen Stellen, wo Seitenkorridore nach rechts und links abzweigten, von altmodischen runden Glaslampen schwach erhellt wurde. Die Wände waren teilweise mit Holz verkleidet, das bedauerlicherweise wie der übrige Verputz beige gestrichen worden war – ein gelblicher Farbton, der schmutzig aussah. Der Bodenbelag, dunkles, ungemustertes Linoleum, war in der Mitte so abgetreten, daß das rohe Holz durchschimmerte. Kein einladendes Entree, dachte Jared, und Kims Miene verriet ihm, daß sie genauso deprimiert war wie er selbst. Schweigend legten sie den Weg zum Büro des Direktors zurück.
Eine halbe Stunde später, nachdem ihre Mutter sich verabschiedet hatte, stiegen sie die Treppe zu ihrem neuen Klassenzimmer
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