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Knapp am Herz vorbei

Knapp am Herz vorbei

Titel: Knapp am Herz vorbei Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: J.R. Moehringer
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Tennyson. Er kann die Ballade auswendig, die Tennyson über seine große Jugendliebe schrieb.
Komm zu mir in den Garten, Maud. Ich steh hier am Tor ganz allein.
Dann die oft unterstrichenen Ausgaben von Franklin, Cicero, Platon – alles Empfehlungen von Chapin.
    Ein Aufseher führt ihn zum Bewährungsbeamten des Gefängnisses, der ihm eine Zugfahrkarte überreicht, eingewickelt in einen Zehn-Dollar-Schein. Dann führt der Aufseher ihn zum Gefängnisschneider, wo er zivile Kleidung erhält. Einen grauen Anzug mit brauner Krawatte. Am Eingangstor bleibt Willie stehen und bittet den Aufseher: Würden Sie Eddie Wilson auf Wiedersehen für mich sagen?
    Hau ab, Arschloch.
    Willie geht zum Bahnhof, steigt in den Zug und erreicht gegen Abend Grand Central. Er geht zum Times Square, bewundert die neuen Reklameschilder, die vielen neuen Markisen. Und die Lichter. Während er weg war, wurde offenbar beschlossen, dass der Times Square Coney Island übertrumpfen soll. Er sieht ein hochaufragendes Schild: WELCOME TO NEW YORK , GREATEST CITY IN THE WORLD . Er bleibt an einem Zeitungsstand stehen, kauft Zeitungen und zwei Packungen Chesterfield, setzt sich in ein Café. In einer Ecknische starrt er aus dem Fenster auf die vorbeigehenden Männer und Frauen, ohne den Teller mit Gebäck und die Tasse Kaffee anzurühren. Er hat den Eindruck, dass die Bevölkerung von New York sich in seiner Abwesenheit verdoppelt hat. Die Bürgersteige kommen ihm zweimal so voll vor. Und alle sehen anders aus. Alle tragen neue Kleider, benutzen neue Wörter, lachen über neue Witze. Am liebsten würde er jeden Einzelnen fragen: Was ist so lustig? Was ist mir entgangen?
    Er schlingt einen Krapfen hinunter, schlägt die
Times
auf. Er liest den Sportteil. Gehrig machte einen Homerun, Ruth zwei, die Yanks gewannen haushoch gegen die Sox. Er liest von Lindberghs triumphaler Rückkehr in die Vereinigten Staaten. Erst vor wenigen Tagen war der Flieger in New York, steht in der Zeitung, und Bürgermeister Walker und die ganze Stadt haben ihn mit Schmeicheleien und Konfetti überschüttet.
    Willie blättert die Seite um. Anzeigen für Urlaubspakete. Ein Schlafwagenplatz in einem Zug nach Yosemite kostet 108 , 82  Dollar. Eine Zugfahrt nach Los Angeles 138 , 44  Dollar. Er denkt an die zerknitterten Dollars in seiner Tasche. Er blättert zu den Stellenanzeigen, fährt mit dem Finger eine Spalte hoch, die nächste runter. Grillkoch – Erfahrung erforderlich. Buchhalter – Erfahrung Voraussetzung. Bohrer – nur mit Referenzen. Ladendetektiv – Erfahrung, Referenzen, Leumundsprüfung.
    Er sieht sich im Café um. Die Leute starren ihn an. Ihm war nicht klar, dass er laut vor sich hin flucht.
    Er schlendert durch den Theaterdistrikt, liest jede Ankündigung, jeden Aushang, lauscht dem neuen Jazz, der aus den Clubs dringt. Er sieht schicke Männer und Frauen über die Straße eilen, sieht sie lachend in neue Theater huschen und wieder herauskommen. Sie gehen an ihm vorbei, durch ihn hindurch. Als er vor sieben Jahren aus dem Raymond Street Jail kam, war er bedrückt. Jetzt ist er unsichtbar.
    Bedrückt war besser.
    Er steht vor dem Republic Theater an der West Forty-Second Street. Gezeigt wird
Abie’s Irish Rose
. Er hört die Ouvertüre. Er stellt sich vor, wie die Tänzer und Schauspieler sich aufwärmen, wie die Zuschauer es sich für eineinhalb Stunden Spaß auf ihren Plätzen gemütlich machen. Er steckt die Hände in die Taschen und schlurft weiter. Er kommt zum Capitol Theater. HEUTE : LON CHANEY ALS FLÜCHTIGER IN
THE UNKNOWN
. Und dazu ein Kurzfilm über Colonel Lindbergh.
    Willie empfindet die Welt wie einen vor Jahren beiseitegelegten Roman. Nun hält er ihn wieder in der Hand, aber er kann sich weder an die Handlung noch an die Figuren erinnern. Oder was er an ihm gefunden hatte. Er redet sich ein, dass es ihm wieder einfallen wird und er sich der Welt wieder zugehörig fühlen wird, wenn er nur Arbeit findet. Ein Job, das ist die Lösung, war es schon immer. Er hat keine Erfahrung, keine Schulbildung, und niemand wird einen Mann einstellen, der gerade vier Jahre abgesessen hat. Aber vielleicht kann ihm einer seiner kriminellen Freunde etwas Sauberes vermitteln. Vielleicht in einer anderen Stadt.
    Er schnipst mit den Fingern. Philadelphia. Dort war er oft mit Doc, und obwohl er die Stadt immer nur spätnachts aus dem Fenster des fahrenden Zugs sah, hatte sie ihm gefallen. Philly, die Stadt der brüderlichen Liebe. Der Liberty Bell. Vom alten

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