Knapp am Herz vorbei
Ben Franklin. Er geht zur Penn Station und steigt in den Broadway Limited. Er schlüpft in den Friseurwagen und zahlt einen Dollar für Haareschneiden und eine Gesichtsmassage, dann sucht er sich im Salonwagen einen Fensterplatz. Er holt Franklins Autobiographie aus der Papiertüte. Chapin erzählte, dass Franklin sein Leben auf einem schlichten Motto gründete – Glück. Bevor er etwas in Angriff nahm, fragte er sich: Macht mich das glücklich? Als Willie jetzt liest, wie der junge Ben nach Philadelphia durchbrannte, muss er grinsen. Es gibt sicherlich schlechtere Fußstapfen, in die man treten kann.
Vor dem Bahnhof in North Philadelphia fragt er Leute, wie er Boo Boo Hoff finden kann, den unberechenbaren Mobster, der in der Stadt die Fäden zieht. Boo Boos Hauptquartier, heißt es, ist eine Turnhalle. Er umgibt sich mit Boxern wie ein König mit Rittern. Willie geht in die Stadt, sucht die Turnhalle und findet Boo Boo in einer dampfigen Ecke, wo er mit einem muskelbepackten Federgewicht trainiert.
Willie tritt vorsichtig näher, stellt sich vor und erklärt, dass er keine Arbeit hat.
Boo Boo grinst. Sein Grinsen zieht sich im Neunzig-Grad-Winkel von links nach rechts abwärts, wie ein Messerschnitt. Ja, sagt er mit einer gewissen affektierten Ungeduld, ja, ja, Willie Sutton, Doc hat dich erwähnt. Er meinte, du bist schlau. Er meinte, du bist in Ordnung.
Ja, Mr Hoff. Wie geht’s dem alten Doc? Geht es ihm gut?
Er kriegt drei Mahlzeiten und jede Menge Ruhe, wenn du das gut nennst. Er wurde vor ein paar Jahren geschnappt. Der Richter hat ihm eine lange Strafe verpasst, weil Doc Wiederholungstäter war.
Boo Boo dreht sich wieder zu dem Federgewicht, dessen Körper weniger Fett enthält als ein Ledergürtel. Das Federgewicht steht vor einem Boxsack und bearbeitet ihn mit den Fäusten, dass er vibriert. In Willies Augen ist er gut in Form, könnte sofort in den Ring steigen, aber Boo Boo tadelt ihn.
Du sollst den verdammten Sack nicht verhätscheln, Kleiner. Willst du ihn als Nächstes vielleicht küssen?
Nein, Boo Boo, sagt das Federgewicht lächelnd und zeigt dabei seinen Mundschutz, der von Speichel und Blut glänzt.
Warum küsst du ihn nicht, Kleiner? Du scheinst den Sack doch zu mögen, also los, küss ihn.
Mann, Boo Boo. Ich tu mein Bestes.
Dein Bestes? Ich bezahl dich nicht dafür, dass du dein Bestes gibst, du Penner. Ich bezahl dich dafür, dass du diesen Sack hasst. Warum willst du diesen Sack nicht hassen? Warum willst du diesen Sack nicht hassen und zum Krüppel machen und umbringen, wie ich es dir verdammt nochmal dauernd sage?
Okay, Boo Boo, okay. Ich hasse den Sack.
Boo Boo wendet sich von dem Federgewicht ab. Ich könnte was für dich haben, sagt er zu Willie.
Wirklich? Mann, das ist großartig, Mr Hoff.
Willie hofft auf einen Job im Boxgeschäft. Vielleicht kann er ja irgendeinen Dilettanten managen. Boo Boo ist einer der besten Boxpromoter im Land.
Impresario
, so wird er in den Zeitungen immer genannt, obwohl das Willies Ansicht nach ein schrecklich schönes Wort ist für einen Mann, dessen Gesicht wie ein Arsch aussieht. Dick, blass, rund – fehlt nur noch die senkrechte Spalte in der Mitte. Anscheinend weiß Boo Boo um sein Arschgesicht, denn er trägt einen extrabreiten Strohhut und eine Fliege von der Größe eines Kastendrachens. Er möchte vom Offensichtlichen ablenken, aber es nützt nichts. Sein Gesicht sieht aus, als hätte jemand einen großen Popo genommen und ihn mit Hut und Fliege versehen. Mit Boo Boo zu reden ist, als würde einem jemand den nackten Hintern zeigen.
Es ist nur ein kleiner Job, sagt Boo Boo.
Kein Job ist zu klein, Sir.
Richtig klein.
Na ja: wie gesagt.
Du musst jemanden kaltmachen.
Hm.
Ein richtiger kleiner –
Quälgeist
.
Ja, also.
Ein kleiner Scheißer.
Äh. Mann.
Was. Du hast doch eben gesagt.
Ich weiß. Aber ich glaube nicht. Einen Mann umbringen? Himmel.
Bleib locker. Es ist nicht, was du denkst.
Okay. Puh. Ich dachte schon.
Er ist bloß eine halbe Portion.
Ich kann Ihnen wieder nicht folgen.
Halber Mann. Volle Bezahlung.
Ich glaube nicht. Wissen Sie, ich bin kein Killer.
Ein Zwerg. Ein kleiner buckliger Zwerg, ein schwanzlutschender Verräter, der für mich arbeitet, aber auch für die Cops, und darin liegt das nämliche Problem. Ooo, der kleine Quälgeist hat ne ganz große Klappe. Erzählt den Cops alles, was sie über meine Geschäfte wissen wollen. Sie müssen ihn noch nicht mal schlagen, sie zwicken ihn bloß in seine
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