Koenigsmoerder
Plan?«
Ein weiteres langes Schweigen.
»Ich habe eine vage Idee, die Ahnung einer Möglichkeit«, entgegnete Veira schließlich, ohne sie anzusehen. »Ich werde zu diesem Zeitpunkt noch nicht darüber sprechen. Zuerst muss ich mich mit anderen beraten und gründlich nachdenken.«
Und das klang alles andere als ermutigend. Es klang beängstigend. Gefährlich.
Wie etwas, das wahrscheinlich scheitern würde. In Veiras sanfter Stimme klang eine Vorahnung von Kummer durch.
Sie hatte für einen einzigen Tag genug Kummer gehabt. »Ich kann mir nicht vorstellen, in einem Wald zu leben«, sagte sie und betrachtete den von Zweigen durchzogenen Himmel.
Veira lächelte und entblößte schief stehende Zähne. »Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Nicht mehr.«
»Gefällt es dir?«
»Recht gut sogar. Ein Wald ist kühl. Still. Und es gibt immer frische Kaninchen, wenn ich Appetit darauf habe.«
»Ja, aber was tust du? Wie lebst du?« In all der Zeit, die sie und Veira einander kannten, hatte sie diese Frage nicht ein einziges Mal gestellt. Früher war es ihr nicht wichtig erschienen.
»Ich bin eine Trüffelsucherin«, antwortete Veira. »Was bedeutet, dass niemand mich fragt, warum ich so weit abseits des Dorfes lebe.
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Warum ich so viel Zeit allein mit meinen Schweinen verbringe.« Ein raues Kichern. »Wohlgemerkt, die Schweine sind mehr zur Gesellschaft da. Ich habe einfachere Methoden, Trüffel zu finden, als mit einem Schwein an einer Leine durch den Wald zu stolzieren. Schweine sind gute Zuhörer. Besser als die meisten Menschen, die ich kenne.«
»Und die anderen Dorfbewohner? Was tun sie? Warum haben sie sich dafür entschieden, in solcher Einsamkeit zu leben?«
Veira zuckte mit den Schultern. »Es ist nur für Doranen einsam. Das Dorf ist ein glücklicher Ort, und die Menschen stehen einander sehr nahe. Es geht immer recht lebhaft zu. Und es gibt eine Vielzahl von Dingen, die man im Schwarzen Wald tun kann, Kind. Beeren sammeln. Pilze sammeln. Fallen stellen. Kräuter und Färbepflanzen sammeln. Süßsaft zapfen. Holz schnitzen. Uhren machen.
Bienen halten ‐ einige der besten Honigsorten des Königreichs kommen von unseren Bienen. O ja. Dieser Schwarze Wald ist voller Reichtümer für jene, die sich nicht vor der Dunkelheit fürchten.«
»Oh«, sagte sie und kam sich unwissend vor, hilflos. Sie hätte einige Bücher zum Verkaufen mitnehmen sollen... »Hm. Ich hatte keine Ahnung.«
»Es gab auch keinen Grund, warum du eine Ahnung hättest haben sollen, Kind«, erwiderte Veira wohlwollend. »Ist das Dorf groß?«
»Groß genug. Hundertvierzehn Familien nach der letzten Zählung.« Veira streckte die Hand aus und deutete nach rechts. »Dort drüben liegt es.«
»Und wie wirst du meine Anwesenheit erklären? Ich habe immer gehört, dass Dorfbewohner neugierige Leutchen sind. Sie werden wissen wollen, wer ich bin, woher ich komme...«
»Nein, das werden sie nicht«, antwortete Veira. »Es ist mir recht gut gelungen, mich von der dörflichen Gemeinschaft fernzuhalten und als Einzelgängerin zu leben. Die Menschen kennen mich, aber nur so weit, wie ich es ihnen gestatte, und auch nur dann, wenn ich zu ihnen gehe. Besucher habe ich schon vor Jahren entmutigt.«
Nicht lange danach bogen sie nach links ab, auf einen ausge 300
fahrenen, grasüberwachsenen Weg. Sie folgten ihm schweigend, und endlich erreichten sieVeiras strohgedecktes Steinhaus, das ganz allein in dem gewaltigen Meer von Bäumen stand. Warmes Licht fiel durch den Vorhang eines der Fenster an der vorderen Seite. Die Nachtluft roch nach Jasmin und Mondrosen, und das Parfüm der Blumen mischte sich mit dem würzigen, süßen Duft von Honigkie-fernrauch, der aus dem Schornstein des Hauses wehte.
Veira hielt den Wagen vorsichtig vor dem geöffneten vorderen Tor an. »Das Schlafzimmer von Bessy, dem Pony, ist auf der anderen Seite. Geh du schon hinein, Kind, während ich das arme Tier versorge. Sei ein braves Mädchen, und schür das Feuer im Kamin, und setz den Kessel auf. Ich lechze nach einer Tasse heißen, süßen Tees.«
Oh ja, ja, Tee. Dathne griff nach der Decke und dem Rucksack, stieg aus dem Wagen und ging unsicher den Gartenpfad hinauf. Sie war halb von Sinnen vor Müdigkeit. Mehr als alles andere wollte sie Ruhe und irgendeinen Ort, an den sie ihren schmerzenden Kopf betten konnte. Gerade als sie die Haustür erreichte, wurde sie geöffnet.
Matt. Hoch gewachsen. Stirnrunzelnd. Er füllte den ganzen Türrahmen
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