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Koenigsmoerder

Koenigsmoerder

Titel: Koenigsmoerder Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karen Miller
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versteckt, wie es des listigen Meistermagiers Art gewesen war.
    Bitte, Barl, lass es mich finden. Zeig mir einen Ausweg aus dieser Katastrophe.
    295
    Er drückte einen dankbaren Kuss auf die kalte, steinerne Wange seiner Schwester und rannte den ganzen Weg zurück bis zum Turm.
    Mit Blasen an den Füßen und erschöpft trottete Dathne mit einem Rucksack, der sich auf ihrem Rücken so schwer wie ein Amboss anfühlte, über die menschenleere Straße zum Schwarzen Wald. Zu Veira und ihrem Dorf, das im Herzen des Waldes lag. Sie hatte Staub auf dem Gesicht, der von unregelmäßigen und wenig hilfreichen Tränen verschmiert war. Sie fror bis auf die Knochen, sie hatte Hunger und wurde zerfressen von Verzweiflung. Die Sonne war vor zwei Stunden untergegangen, und das schwache Mondlicht war ihr einziger Führer.
    Sie war ein Dutzend Mal gestolpert und hatte einmal vollends den Halt verloren und war auf die Straße gefallen. Ihre aufgeschürften Knie und Ellbogen brannten; ihr müder Geist war eine riesige, schmerzende Wunde. Asher. Asher. Asher.
    Sie erkannte sich selbst kaum wieder, so mutlos war sie. Der Kummer war eine Last, die sie niederdrückte und ihre Knochen zu Kreide zusammenpresste. Sie hatte nie gewusst, dass sie sich so klein fühlen konnte.
    Asher.
    Diese Katastrophe erschien ihr jetzt schlimmer als das unaufhaltsame Heranbrechen der Letzten Tage. Asher war für sie Fleisch und Blut, er war Gelächter und Getuschel und schwielige Finger, die sie berührten. Eine Wonne wie Magie, die durch ihre Adern floss. Die Letzten Tage waren unvorstellbar.
    Trotz all ihrer Furcht erregenden Träume konnte sie sie nicht real werden lassen.
    Aber Asher war real. Asher war verhaftet worden. Und wenn kein Wunder geschah, würde Asher sterben ‐ zusammen mit jeder Hoffnung für die Zukunft des Königreichs.
    296
    Der Gedanke durchschnitt ihren Körper wie ein Messer, so schnell und umbarmherzig, dass sie nicht weitergehen konnte. Keuchend stemmte sie die Hände auf die Oberschenkel und wartete darauf, dass die Qual nachließ. Eine Art wilden Sturmwinds wütete in ihrem Geist, blendete das Denken aus, löschte die Erinnerung.
    Sie hieß ihn willkommen.
    Allmählich verebbte der Schmerz, und die Vernunft kehrte zurück. Zoll um Zoll richtete sie sich zögernd auf. Nichts als Nacht um sie herum, eine Nacht, die den Sternen gehörte, den Bäumen und kleinen, raschelnden Geschöpfen.
    Dann waren da plötzlich neue Geräusche, die die dünne, kalte Luft zu ihr hinübertrug. Pferdehufe, die hohl auf festgestampftem Lehm widerhallten; die zuerst flotte Gangart der Tiere wurde langsamer zu einem verhaltenen Traben.
    Ein Knarren sich drehender, hölzerner Räder hinter der Biegung in der Straße vor ihr, eine hoch aufragende Gestalt, umrahmt von tanzendem Fackellicht.
    Mit hämmerndem Herzen wartete sie, bis der Karren sie erreichte. Das zottelige, braune Pony, das ihn zog, wurde immer langsamer, bis es stehen blieb, eine weiße Atemwolke vor dem Maul. Sie blickte in das von einer Kapuze verborgene, rätselhafte Gesicht der Person, die die Zügel des Ponys hielt.
    Knorrige Hände schoben die Kapuze zurück auf runde, herabhängende Schultern. »Dathne.«
    Sie nickte. Versuchte zu lächeln. »Veira.«
    »Nun, Kind«, sagte die alte Frau und rümpfte die Nase. »Wenn ich einige Jahre jünger wäre und meine Gelenke noch geschmeidiger, würde ich dir die Röcke hochziehen und dich dafür übers Knie legen.«
    Dathne sah sie sprachlos an.
    Das Licht der Fackeln warf zuckende Schatten über Veiras Gesicht. »Aber du bist eine junge Frau, und ich bin eine alte, und ich glaube nicht, dass es einer von uns beiden nach einer Tracht Prügel besser gehen würde. Also, steh nicht einfach mit offenem Mund da. Komm herauf zu mir, damit wir dich nach Hause und ins Bett schaffen können.«
    296
    Sie fuhren in verlegenem Schweigen beinahe drei Stunden lang über die schmale Straße, die sie wie ein schiefer, lockender Finger in den Schwarzen Wald führte.
    Zuerst wuchsen die Bäume nur spärlich, mit dünnen Stämmen und lichtem Blätterwerk, aber je tiefer das Pony in den düsteren Wald eindrang, umso robuster und kräftiger wurden die Djelbas, die Honigkiefern und die Trauerno-ras. Die Luft wurde zunehmend reglos, während die Ausschnitte des sternenübersäten Himmels zwischen den Baumwipfeln immer kleiner wurden.
    Obwohl sie Barls Mauer und den Bergen, in denen sie verankert war, jetzt um Meilen näher war, war ihr goldener Schein doch nur ein

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