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Kristall der Macht

Kristall der Macht

Titel: Kristall der Macht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Monika Felten
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Anblick erschreckte sie längst nicht mehr. Wenn es ihr auch nicht immer leichtfiel, den Weg zur Geistreise zu öffnen, so war ihr alles, was damit zusammenhing, doch schon zur Gewohnheit geworden. Meist begann sie die Reise, ohne sich noch einmal umzublicken. Diesmal aber kannte sie das Ziel nicht und hoffte darauf, dass Kaori sie führen und begleiten würde.
    »Ich bin hier!« Ein kühler Windhauch streifte Noelanis Arm, und die vertraute Stimme ihrer Schwester ließ ihr Herz höher schlagen. Dennoch, etwas war anders als bei ihrer letzten Begegnung. Es war nichts, das Noelani in Worte fassen konnte, nur ein Gefühl. Aber es war da. »Bist du allein?«, fragte sie zaghaft.
    »Ja und nein.«
    »Wie meinst du das?« Noelani war verwirrt.
    »Sei unbesorgt, es ist niemand hier, der uns hören könnte«, sagte Kaori. »Der Hund ist bei mir.«
    »Der Hund?« Noelani staunte. »Wie ist das möglich?«
    »Wer immer durch den Zauber einer Maor-Say in Stein verwandelt wird, dessen Geist ist in dieser Sphäre gefangen«, erklärte Kaori.
    »Oh, das … das wusste ich nicht!« Noelani war erschüttert, schöpfte aber auch ein wenig Hoffnung. »Dann ist er nicht tot?«
    »Doch. Er ist tot. Er kann nicht zurück in deine Welt. Aber auch die Welt der Ahnen ist ihm verschlossen. Es ergeht ihm nicht besser als mir.«
    »Aber dann …« Noelani ging nicht weiter auf den Hund ein, weil etwas anderes ihr siedend heiß in den Sinn kam. »… dann sind auch die fünf Jungfrauen und der Dämon hier?«
    »Die Jungfrauen waren hier, ja«, bestätigte Kaori. »Aber sie sind jetzt frei und konnten nach Jahren des Wartens endlich zu den Ahnen aufsteigen, weil du ihre Skulpturen zerstört hast. Der Dämon … ja, der ist noch hier. Aber wir werden ihm nicht begegnen, denn er verlässt die Insel nicht.«
    »Warum hast du mir das nicht früher gesagt?«
    »Ich wollte dich nicht beunruhigen.«
    »Aber das ist wichtig.«
    »Warum?«
    »Weil ich … weil …« Noelani brach ab und fragte: »Du weißt es nicht, oder?«
    »Was?«
    »Was der König von mir verlangt. Ich … ich dachte, du hättest alles mit angehört.«
    »Das habe ich auch. Aber es macht doch keinen Unterschied, ob die Krieger nun ganz tot sind oder ob sie in dieser Sphäre gefangen sind.«
    »Ja, vermutlich hast du recht.« Noelani seufzte. »Verzeih. Ich bin sehr durcheinander. Der König hat mir vorhin ein wahrlich großzügiges Angebot unterbreitet. Er verspricht mir blühendes Land, Wohlstand, Frieden und ein sorgloses Leben für alle, die die Flucht von Nintau überlebt haben. Aber Jamak will nicht, dass ich dem König helfe. Er hat Mitleid mit den Angreifern. Ach, was rede ich, du weißt ja alles. Ich finde, Jamak sollte vielmehr an unser Volk denken. Er vergisst, dass hier ein Krieg tobt, in dem es so oder so Tote geben wird. Ganz gleich, ob ich eingreife oder nicht. Es wird Tote geben, und darunter werden auch viele Unschuldige sein, Frauen und Kinder. Ist es nicht besser, wenn ich den Krieg beende, indem ich nur die Krieger der Rakschun in Stein verwandle, bevor diese hier einfallen und alle abschlachten?«
    »Sind das deine Worte?«, fragte Kaori abwartend. »Oder sind es nicht vielmehr Worte, die der König dir vorhin in den Mund gelegt hat?«
    »Jetzt redest du auch schon wie Jamak.«
    »Mag sein.«
    »Auf wessen Seite stehst du eigentlich?« Noelani spürte, dass sie wütend wurde. Hatte denn niemand Verständnis für ihre Lage?
    »Auf wessen Seite stehst du?«, antwortete Kaori mit einer Gegenfrage.
    »Auf der Seite meines Volkes!« Noelani sagte das mit voller Überzeugung. »Die Menschen hier kümmern mich ebenso wenig wie diese Rakschun jenseits des Gonwe. Es ist ihr Krieg, nicht der meine. Was immer ich auch tun werde, ich werde es allein für das Wohl des Volkes von Nintau tun.«
    »Auf Nintau haben wir geschworen, dass uns jedes Leben heilig ist«, erinnerte Kaori.
    »Ja, das haben wir.« Noelani nickte, während ihre Stimme einen harten Tonfall annahm. »Und was hat es uns gebracht? Gar nichts. Und warum nicht? Weil es eben nicht genügt, friedlich zu sein, wenn alles andere nicht auch friedlich ist – nicht einmal die Natur selbst. Sanftmut mag eine Tugend sein, allein mit ihr kommt man nicht weit. Auf Nintau in unserer kleinen abgeschiedenen Gemeinschaft mag es noch funktioniert haben. In diesem großen Land aber gelten andere Gesetze und wenn wir uns denen nicht beugen, werden wir untergehen.«
    »Du hast dich verändert.«
    »Wir alle haben uns

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