Kristall der Macht
begnadeter Schmied, sondern auch ein hervorragender Bogenschütze war. Wenn eine Taube auf Arkons Zelt zuflog und er sie rechtzeitig entdeckte, würde es ein Leichtes für ihn sein, sie mit einem gezielten Schuss vom Himmel zu holen.
Es wurde heller. Das Leben im Lager erwachte. Schon stiegen in der windstillen Luft die ersten dünnen Rauchfahnen der Herdfeuer über den Rundzelten auf. In der Ferne waren Stimmen und rasselndes Husten zu hören, und irgendwo ganz in der Nähe schlurfte jemand zum Abort, um sich zu erleichtern. Jeden Augenblick würde auch Arkon erwachen, dann konnte …
Nuru führte den Gedanken nicht zu Ende. In einer ansatzlosen Bewegung fanden Pfeil und Bogen den Weg in seine Hand, während er mit den Augen einen dunklen Punkt am südlichen Himmel fixierte, der sich rasch näherte.
Eine Taube!
Nuru hielt den Atem an, legte den Pfeil auf die Sehne, spannte den Bogen, zielte und schoss. Lautlos sirrte der Pfeil durch die Luft und bohrte sich in den Leib der Taube, die hilflos flatternd zu Boden trudelte. »Ein sauberer Schuss!« Nuru grinste, sammelte die restlichen Pfeile auf und eilte mit großen Schritten zu der Stelle, an der die Taube liegen musste. Er fand sie erst nach einigem Suchen. Eine rotbunte mit weißen Einsprengseln. Wie ein Federknäuel lag sie im Schatten eines Zeltes, den Pfeil im Leib, einen Flügel gebrochen. Nuru hob sie auf und betrachtete sie, doch erst als er ins Licht trat und die blutigen Federn von den Beinen entfernte, erkannte er, dass er Glück gehabt hatte. Am Bein der Taube war ein dünnes Röhrchen befestigt, das sorgfältig mit Siegelwachs verschlossen war.
Diese Taube war zweifellos auf dem Weg zu Arkon gewesen. Nuru spürte eine tiefe Genugtuung in sich aufsteigen. Zu gern hätte er das Siegel gebrochen und die Botschaft gelesen, die die Taube mit sich führte, aber er wusste, dass diese nur dann als Beweis taugte, wenn das Siegel unversehrt war. Plötzlich hatte er es sehr eilig. Er musste die Taube zu Olufemi bringen – und zwar sofort.
* * *
»… Das würde bedeuten, dass ich die Rakschun mit der Macht der Kristalle besiegen kann, ohne dass auch nur ein Menschenleben dafür geopfert wird«, schloss Noelani ihre Ausführungen und erwiderte den Blick von Azenors eisblauen Augen so stolz und selbstbewusst, wie es sich für eine Maor-Say geziemte. Gleich nach ihrer Rückkehr von der Geistreise hatte sie mit Jamak über den Plan gesprochen, den sie mit Kaori erdacht hatte. Er hatte sich erleichtert gezeigt und nichts gegen eine solche Form der Unterstützung einzuwenden gehabt.
Zur Mitte der Nacht war Samui dann mit den Flüchtlingen im Palast eingetroffen. Der König hatte veranlasst, sie in den Gesindehäusern unterzubringen, in denen ein halbes Jahr zuvor noch die Bediensteten des Palasts gewohnt hatten. Drinnen war es beengt, aber warm und trocken, und nachdem alle eine warme Suppe aus der Palastküche erhalten und die königlichen Heiler sich um die Verletzten gekümmert hatten, waren die Blicke, die die Flüchtlinge Noelani und Jamak bei ihrem Besuch zugeworfen hatten, schon nicht mehr ganz so feindselig gewesen.
Noelani war beruhigt, dass alle vorerst in Sicherheit waren. Es war keine Lösung auf Dauer, aber ein Schritt in die richtige Richtung, und so hatte auch sie in der Nacht noch etwas Schlaf gefunden.
Als bei Sonnenaufgang ein Diener gekommen war und sie eingeladen hatte, die Morgenmahlzeit gemeinsam mit dem König, Fürst Rivanon und General Triffin einzunehmen, hatten Noelani und Jamak die Einladung gern angenommen. Kurz darauf hatten sie sich in einem prunkvollen Raum wiedergefunden, der dem König mit seiner langen Tafel und den mehr als dreißig Stühlen ganz offenbar allein dazu diente, hier die Speisen einzunehmen. Die Morgenmahlzeit gestaltete sich dann auch nicht weniger königlich, und obwohl sich Noelani an der mit Köstlichkeiten überreich beladenen Tafel verloren fühlte, hatte sie nicht gezögert, dem König noch während des Essens ihren Plan zu schildern, als dieser sie danach fragte.
»Habe ich das richtig verstanden?«, hakte Fürst Rivanon nach. »Ihr wollt die Kristalle um die Flöße und Waffenlager positionieren und nur die Gegenstände in Stein verwandeln?«
»So ist es.« Noelani nickte. »Flöße aus Stein schwimmen nicht, und mit steinernen Bogen kann man nicht schießen. Der Angriff wird scheitern, ehe er überhaupt begonnen hat.«
»Damit gewinnen wir eine Schlacht, nicht aber den Krieg!« Rivanon
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