Kristall der Macht
schüttelte den Kopf und schaute den König eindringlich an. »Mein König«, sagte er mahnend. »Der Plan der Maor-Say hat durchaus seinen Reiz, aber es ist nicht genug. Ihr kennt die Rakschun. Ein solcher Angriff mag für sie einen Rückschlag bedeuten, aber er wird sie nicht von ihrem Vorhaben abbringen, unser Land zu erobern. Das ist gewiss.«
»Es ist alles, was ich euch anbieten kann.« Noelani war entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen. »Zu töten verstößt gegen meine innerste Überzeugung. Wenn ihr das von mir verlangt, werde ich mein Volk sammeln und weiterziehen.«
»Ach ja, ist es das? Aber wenn Ihr geht, ist das Volk von Baha-Uddin dem Tode geweiht«, erwiderte Rivanon scharf. »Könnt Ihr das mit Eurer innersten Überzeugung vereinbaren? Hilfe zu unterlassen und den Tod Tausender billigend in Kauf zu nehmen, ist auch eine Form von Töten. Ich sehe da keinen Unterschied. Oder sind die Rakschun Euch mehr wert als mein Volk?«
»Ich werte nicht«, sagte Noelani. »Jedes Leben ist kostbar.«
»Und doch stellt Ihr die Rakschun über das Volk von Baha-Uddin.«
»Das ist nicht wahr. Ich stelle nur die Ausgangslage wieder her. Ganz so, als hätte der Sturm uns nie an Land gespült.«
»Aber er hat!« Rivanon war außer sich. »Ich bin überzeugt, dass es nicht zufällig geschehen ist. Es war der Wille der Götter, der Euch in höchster Not zu uns geführt hat. Da könnt Ihr nicht so tun, als ob es die vergangenen Tage nicht gegeben hätte.«
»Das hier ist nicht unser Krieg.« Auch Noelani wurde allmählich wütend. »Nehmt meine Hilfe an oder lasst es bleiben. Das ist mein letztes Wort.«
»Wir nehmen an!« König Azenors Stimme erfüllte den Raum auf eine machtvolle Weise, wie es wohl nur Könige vermögen.
»Was?« Rivanon wirbelte herum und starrte den König an, als wäre er ein Verräter. »Aber das ist Irrsinn. Die Rakschun werden neue Flöße und neue Waffen bauen und es wieder versuchen.«
»Die wir dann erneut zerstören werden. Nicht wahr, Noelani?«
Etwas an der Art, wie der König zu ihr sprach, gefiel Noelani nicht. Aber der Eindruck war zu flüchtig, um ihn in Worte zu fassen, und so sagte sie nach einer kurzen Pause: »Solange dafür kein Leben durch meine Hand genommen werden muss, werde ich dir helfen.«
»Da hörst du es, mein lieber Rivanon.« Das Lächeln von König Azenor wirkte so befremdlich wie seine Wortwahl, dennoch konnte Noelani sich nicht dagegen wehren, dass sie etwas daran störte. »Ich denke, wir sollten der Maor-Say dankbar sein und ihr vertrauen.«
Noelani entging der rasche Blickwechsel nicht, den der König mit Fürst Rivanon tauschte, während er sprach, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass zwischen seinen Worten noch sehr viel mehr geschrieben stand, als sie heraushören konnte. Es beunruhigte sie, dass die beiden Männer so verschwörerisch taten, aber sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie es war, die hier die Bedingungen stellen konnte. Immerhin wollten die beiden ihre Hilfe. »Bist du auch einverstanden?«, fragte sie den Fürsten.
»Natürlich ist er das«, antwortete König Azenor, ehe Fürst Rivanon etwas sagen konnte. »Wie wir alle ist er froh und glücklich, dass du dich entschieden hast, uns zu helfen. Wenn du Erfolg hast, soll es dein Schaden nicht sein. Sofern es in meiner Macht liegt, werde ich dir und deinem Volk helfen und alles dafür tun, damit ihr fortan in Wohlstand und Frieden leben könnt.«
»Dann ist es also beschlossen«, sagte Noelani abschließend. »Wann brechen wir auf?«
»Noch heute Nachmittag.« Es war General Triffin, der antwortete. »Meine Getreuen haben bereits Anweisung erhalten, die Pferde zu satteln und eine Kutsche bereitzuhalten.« Er schaute Noelani und Jamak an und fügte hinzu: »Ist euch das recht?«
»Sehr!« Noelani schenkte dem General ein Lächeln. Sie hatte schon befürchtet, auf einen dieser hohen Vierbeiner steigen zu müssen, die in Baha-Uddin als Reit- und Lasttiere verwendet wurden, und war froh, dass es eine andere Möglichkeit gab, den Gonwe zu erreichen. »Jamak und ich werden uns nur noch von unseren Leuten verabschieden. Dann können wir aufbrechen.«
* * *
»Vesiw enri Reier lass ackene such Seele Tieren
somnu otan Fests ob Reime talli
dud asse sennem Lofap anuf gune er rund!«
T.
»Beim Blute meiner Väter, was ist das für ein Unsinn?« Verwirrt starrte Olufemi den kleinen Zettel an, den er in dem Röhrchen am Bein der Taube gefunden hatte.
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