Kristall der Träume
Schmetterling und entwich, sobald er ihn zu greifen versuchte. Eines Abends fiel sein Blick zufällig auf die Hündin, die ihre Jungen säugte, und dabei fiel ihm auf, dass vier der Jungen weißes Fell wie sie hatten, zwei jedoch so grau wie die Wölfe in den Bergen waren.
Zum ersten Mal rätselte er darüber, wie die Hündin hatte trächtig werden können. Sie kam aus einem Land, das außerhalb des Mondreiches lag, und zwar aus dem Land des Rentiergottes.
Reichten dessen Kräfte über die Grenzen hinaus? Und weiter noch, wie war der Geist des Wolfes in den Schoß der Hündin gelangt?
Avrams Gedanken wurden zunehmend philosophischer, als er Marits hoch gewölbten Leib betrachtete. Welche Kraft erzeugte das Leben?
Bodolf und sein Volk glaubten an den Geist des Rentiers, Hadadezer an den Geist des Stiers, und die Menschen der Ewigen Quelle sprachen dem Mond diese Kraft zu. Gab es womöglich eine noch größere, allumfassende Macht? Und während er weiter grübelte, regte sich abermals dieser Gedanke wie ein flüchtiger Schmetterling in seinem Sinn.
Diese schemenhafte Idee ließ ihn während der folgenden Wochen nicht mehr los, sie verfolgte ihn bis in seine Träume, in denen auch Bodolf, Eskil, Yubal, Hadadezer und die Söhne der Frau auftauchten, mit der Hadadezer zusammengelebt hatte. Die Bedeutung dieser Träume blieb Avram verborgen, bis er eines Tages sein Spiegelbild in einem Gewässer erblickte und meinte, Yubal zu sehen. Das war es also: Die jungen Männer ähnelten den Alten.
Seine Überlegungen schweiften zu den Rentiergehegen zurück, wo er die Hirsche hatte die Kühe besteigen sehen. Damals hatte er noch nicht gewusst, dass Tiere so etwas taten. Er dachte an seine Zeit in Anatolien, wo er bei wilden Herden gelegentlich Ähnliches beobachtet und es für eine Art Kampf oder Spiel gehalten hatte.
Schließlich dachte er an Hadadezers Stier, der Kühen Vergnügen bereitete, und an seine Hündin, die in den Hügeln verschwunden und mit wolfsähnlichen Jungen zurückgekommen war. War das der Akt, der neues Leben erzeugte? Nicht der Geist, sondern Mann und Frau, Männchen und Weibchen. Aber es geschah nicht immer. Der alte Lampenmacher Guri bevorzugte blutjunge Mädchen, und die wurden nie schwanger. Und die alte Zwiebelschwester lag mit vielen Männern ohne Folgen. Da fiel ihm ein, dass junge Mädchen und alte Frauen keinen Monatsfluss hatten. Er war verblüfft. War das das Geheimnis? Ein jeder wusste, dass die Göttin Babys aus dem Monatsfluss erschuf. Wenn es sich nun aber mit dem Monatsfluss verhielt wie mit dem Traubensaft? Denn das Wunder bestand doch darin, dass die Trauben nicht am Weinstock gärten und der Traubensaft nicht in einem hölzernen Trinkbecher zu gären begann.
Trauben waren Trauben, und Saft war Saft. Der Umwandlungsprozess fand nur durch die Kraft der Göttin statt.
Es waren jedoch Männer, die den Traubensaft in die Höhle schafften.
Avram stand wie versteinert. Sein Blick wanderte über die wellige Hügellandschaft jenseits der Ewigen Quelle, wo neue Felder zur Aussaat gepflügt wurden. Da fiel ihm die Ähnlichkeit der Ackerfurchen mit der geheimen Stelle der Frauen auf. Und er stellte sich vor, wie die Samenkörner von der Hand eines Mannes ausgestreut wurden.
Erzeugten Mann und Frau zusammen neues Leben? Nein, korrigierte er sich sogleich. Die Göttin erzeugt neues Lehen - sie allein hat die Macht. Aber um neues Leben zu erzeugen, nimmt sie von Mann und Frau.
Diese neue Erkenntnis traf Avram wie ein Hieb. Wein entsteht wie die Kinder durch die Kraft der Göttin. Wenn die Trauben sich jedoch nicht von alleine in ein heiliges Getränk verwandeln, sondern erst durch die gemeinsamen Anstrengungen der Menschen, folgt daraus der Umkehrschluss, dass aus dem Monatsfluss allein kein Kind entstehen kann, sondern nur durch die Mitwirkung eines Mannes. Aus Samenkörnern, die willkürlich ausgestreut werden, wächst nur halb so viel wie aus denen, die in gepflügte Felder eingebracht werden. Höhle, Feld und Frau: Sie alle sind Mutter. Sie bringen Leben hervor, aber nur durch Zutun eines Mannes.
In seiner Verwirrung suchte er Rat bei der Göttin. Während er vor dem Schrein betete, erinnerte er sich daran, wie er als Knabe die junge Reina begehrt und sich gefragt hatte, warum die Göttin diesen verwirrenden Hunger zwischen Männern und Frauen geschaffen hatte. Heute wollte ihm scheinen, dass die Intimität zwischen Mann und Frau nicht immer nur Vergnügen bereitete, wie Yubal ihm einst
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