Kristall der Träume
eingeredet hatte. Oft genug hatte er feststellen müssen, dass der lustvollen Umarmung Kummer, ja sogar Katastrophen folgten.
Warum hatte die Göttin dann diese starke Anziehungskraft zwischen Mann und Frau geschaffen?
Da sprach sie zu ihm: Um sicherzustellen, dass neues Leben entsteht, Avram.
Vor Aufregung zitternd, stellte er bang seine nächste Frage: Durch Mann und Frau also?
Der blaue Kristall begann zu funkeln und in einem besonderen Licht zu strahlen. Avram konnte den Blick nicht abwenden. Wie gebannt starrte er auf das steinerne Herz und suchte nach einer Antwort. Und da wurde ihm eine Offenbarung zuteil: In der milchigen Substanz im Inneren des Steins, die er einst für die ewige Quelle gehalten hatte, erkannte er jetzt den Saft des Mannes, wenn er sich mit einer Frau in Lust verband. Der Monatsfluss und des Mannes Saft vereinigten sich im Schoß der Frau, damit die Göttin ihr Wunder vollbringen konnte.
Alles fügte sich jetzt zusammen: das sich ewig wiederholende Wunder des Lebens, das ihm schon Hunderte von Malen unbewusst bei den Tieren begegnet war. Auf einmal fühlte er sich der gesamten Menschheit und der Natur in einer bisher nie gekannten Weise verbunden. Das Gefühl, von der Erschaffung des Lebens ausgeschlossen zu sein, wich einem völlig neuen: dem der Zugehörigkeit. Er erinnerte sich, dass Marit einst gesagt hatte, sie fühlte sich als Glied in einer langen Kette. Auch er bildete jetzt ein Teil dieser langen Kette, und Marit war schwanger – mit seinem Kind. Es war, als ob sich der Himmel über ihm geöffnet hätte. Sein ganzes Leben lang hatte Avram sich gefragt, warum, hatte die Mysterien der Natur zu ergründen versucht, und jetzt ergab alles einen Sinn, plötzlich verstand er.
Er eilte in sein Zelt, wo er sich vor den Altar der Ahnen warf und zu Yubal sprach, ihm sein Herz und seine Seele ausschüttete, ihm seine Liebe bekannte und seine Verehrung erwies. Unter Freudentränen nannte er ihn Abba und gab dem Wort einen neuen Sinn, denn von nun an würde Abba auch Vater bedeuten.
Avram behielt seine Erkenntnis für sich, weil er ahnte, dass die Leute ihn nur auslachen würden. Doch riet er Namir im Geheimen, das nächste Mal einen Ziegenbock zu seinen Ziegen zu gesellen, und ermunterte Guri, den Lampenmacher, mit seiner Taubenzucht fortzufahren. Allein Mark vertraute er sein neues Wissen an, und sie glaubte ihm, weil es von der Göttin kam. Avram war davon überzeugt, dass die Menschen mit der Zeit die gleichen Beobachtungen wie er machen und ihre Schlüsse daraus ziehen würden. Endlich war die Schutzmauer fertig.
Alle versammelten sich, um den neuen Turm einzuweihen, den sie Jericho nennen wollten, das bedeutete »vom Mond gesegnet«.
Avram erklomm die neue Treppe fast auf den Tag genau zwölf Jahre nach jenem schicksalhaften Tag, da er die Sprossen zum Wachturm hinaufgeklettert war. Damals ein bartloser Knabe, von Zweifeln erfüllt, ohne Vorstellung und ratlos in einer verwirrenden Welt, heute ein Mann voller Selbstvertrauen und mit einem besseren Verständnis für die Dinge um ihn.
Unter den Zuschauern stand Marit, ihr gemeinsames Kind auf den Armen haltend, einen prächtigen zweijährigen Sohn. An ihrer Seite die Hündin, abermals mit geschwollenem Leib, von einer neuen Generation Welpen umgeben. Avram hatte die ersten Jungen der Hündin heranwachsen, spielen und sich besteigen sehen, sodass jetzt die dritte Generation domestizierter Hunde heranwuchs. Namir stand breit lächelnd da, inzwischen wohlhabender und stolzer Besitzer einer ständig wachsenden Ziegenherde, weil er Avrams Rat befolgt hatte. Guri, der Lampenmacher, experimentierte weiter mit Tauben, und die Zwiebelschwestern waren gerade dabei, einen Entenstall zu bauen – auch sie hatten erkannt, dass in der Natur eine einzigartige Harmonie herrschte, dass alle Tiere und Pflanzen und alle Menschen in einem universellen Netz unauflöslich miteinander verknüpft waren.
Als Avram die Spitze des Turms erreichte und in den hellen Sonnenschein trat, begrüßte ihn die Menschenmenge mit Jubelgeschrei.
Voller Stolz blickten die Einwohner von Jericho auf ihr Werk, das einmalig auf der Welt war. Nie würden Angreifer die Mauern einreißen können. Unter dem ohrenbetäubenden Jubel der Menge, im Frieden mit sich selbst und frei von Sünden, ließ Avram seine Gedanken über die Kontinente bis zum Volk des Rentiers fliegen –
zu Frida und dem Kind, das sie unter dem Herzen trug, als er sie verließ. Sein Kind.
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