Lenas Tagebuch
ganzen Tag, das ist sehr wenig. Ich habe solchen Hunger, in meinem Magen nagt und zerrt es. Herrgott, Allmächtiger, erhöre mich, ich will essen, verstehst du, ich habe Hunger. Ich bin sehr unglücklich.
Gott! Wann hat das alles ein Ende!
16/III
Es ist schon der 16. März, also Mitte des ersten Frühlingsmonats, aber es herrscht noch immer fürchterlicher Frost. In der Sonne ist es warm, aber kaum gehst du in den Schatten: Frost.
Ich wohne noch bei Galja. Dem Alten geht es von Tag zu Tag immer schlechter. Lange wird er es nicht mehr machen. Das Sprechen fällt ihm schon schwer, die Zunge gehorcht ihm nicht mehr (wie bei Aka und Mama ungefähr drei Tage vor dem Tod). Und es gibt noch einen Boten für das nahende Ende: Er hat (ich kenne das von Aka und Mama) viel Durst.
Gestern wären wir fast verbrannt. Das passierte abends. Da kommt zu uns ein Nachbar von Wohnung 27 und bittet Galja um eine Axt, um die Wohnungstür einzuschlagen, weil er schon eine ganze Stunde klopft und niemand öffnet, und er macht sich große Sorgen, dass etwas passiert sein könnte, denn seine schwache alte Mutter lebt ganz allein zu Hause. Galja gab ihm die Axt, er schlug die Tür ein und öffnete sie. Die Wohnung war voller Rauch, auf der Schwelle zur Küche lag der halb verbrannte Leichnam seiner Mutter, unter ihr brannte schon der Fußboden. Auch das Sofa hatte zu brennen begonnen und die Decke, noch zwei Minuten, und alles wäre in Flammen aufgegangen. Aber zum Glück entdeckten wir den Brand rechtzeitig, riefen schnell die Feuerwehr, sammelten in allen Wohnungen Wasser. Wir erstickten das Feuer, trugen die brennenden Sachen hinaus in den Schnee. Da kam auch die Feuerwehr, öffnete den ganzen Fußboden und löschte alles.
Da hatten wir Glück, dass wir so davongekommen sind, wir hätten auch alle verbrennen können. Wir hätten zwar im Notfall durch den Haupteingang fliehen können, doch was wäre aus Väterchen geworden: Allein hätten wir ihn nicht schleppen können, aber wer hätte uns geholfen? Bevor die Feuerwehr eingetroffen wäre, wäre er schon dreimal im Rauch erstickt.
Wenn ihr Sohn heute nicht nach Hause gekommen wäre oder nur eine Minute später, dann wäre alles aus gewesen. Er hätte eigentlich erst morgen kommen sollen, es ist reiner Zufall, dass er heute kam. Solche glücklichen Zufälle gibt es im Leben.
Kira möchte unbedingt, dass ich sie vorübergehend als in meinem Zimmer wohnend registriere. Aber ich will nicht, kann mich dazu nicht durchringen.
Obwohl ich bei Galja jetzt nicht die Wärme und Aufmerksamkeit bekomme, die ich erwartet hatte, bin ich von Galja trotzdem nicht so sehr enttäuscht, wie Kira es mir einzureden versucht. Ich verstehe Galja. Sie muss sich um den sterbenden Vater kümmern, um ihren Sohn, und das alles allein. (Ihre Schwester hilft ihr überhaupt nicht.) Das ist sehr hart, da wird man ganz unfreiwillig leicht reizbar. Aber bald wird sich alles ändern. Der Alte wird sterben. Galja wird sofort Erleichterung verspüren, diese schwere Sorge wird ihr wie ein Stein vom Herzen fallen. Wir werden ihn irgendwie beerdigen, und dann werde ich sehen, ob ich mit Galja zusammenleben kann oder besser allein bleibe. Dann werde ich das entscheiden, jetzt ist es nicht möglich.
18/III
Heute Nacht ist Galjas Papa gestorben. So ein guter und lieber Mensch …
Gestern bin ich etwas später zum Mittagessen gegangen, und ich bekam nichts mehr ab. Ich musste vor Ärger weinen, fast zwei Stunden stand ich in der Schlange, und ganz umsonst. Von der Schule ging ich in ein Geschäft und bekam dort 100 g Fleisch, ohne Schlange zu stehen. Ich kam nach Hause, kein Telegramm für mich. Ich ging mit dem kupfernen Teekessel auf den Markt, aber keiner wollte ihn kaufen. Dafür konnte ich mich nicht zurückhalten und kaufte neun Ansichtskarten für einen Rubel je drei Karten. Das war herrlich, es war Frühling, es wehte ein laues Lüftchen, und sogar im Schatten war es nicht kalt. Ich kehrte nach Hause zurück, sammelte alle meine Sachen zusammen und ging wieder auf den Markt. Ich wollte so sehr essen, dass ich entschlossen war, um jeden Preis meine Aluminiumkanne gegen Brot einzutauschen, obwohl es mir um sie sehr leid tat. Plötzlich sah ich wieder jemanden, der Ansichtskarten verkaufte. Ich konnte mich nicht zurückhalten und suchte mir welche aus, und die Ansichtskarten waren so schön, dass es nicht auszuhalten war. Farbige, mit verschiedenen Ansichten und hauptsächlich ausländische, so schöne, dass ich
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