Leviathan erwacht - Corey, J: Leviathan erwacht - Leviathan Wakes (The Expanse Series Book 1)
künstliches Rosa dem Teint schmeicheln sollte, in Wirklichkeit aber den Fahrgästen das Aussehen halb roher Rinderbraten verlieh. Kabinen gab es nicht, nur lange Reihen von Hartschaumsitzen und fünffach übereinandergestapelte Kojen an den Wänden, die sich die Passagiere reihum teilen konnten. Mit so einem billigen Schiff war Miller noch nie geflogen, doch er wusste, wie sie funktionierten. Falls es Auseinandersetzungen gab, pumpte die Crew Betäubungsgas in die Kabine und setzte jeden fest, der sich an dem Streit beteiligt hatte. Es war ein drakonisches System, doch es sorgte dafür, dass die Passagiere höflich blieben. Die Bar war rund um die Uhr geöffnet, die Drinks waren billig. Vor gar nicht so langer Zeit hätte Miller dies verlockend gefunden.
Nun saß er auf seinem Platz, hatte das Handterminal geöffnet und betrachtete Julies Fallakte, oder vielmehr das, was er rekonstruiert hatte. Ihr Bild, auf dem sie stolz lächelnd vor der Razorback stand, die Daten und Auszeichnungen, das Jiu-Jitsu-Training. Es schien sehr wenig zu sein, wenn man bedachte, welche Rolle diese Frau inzwischen in seinem Leben spielte.
Auf der linken Seite des Terminals liefen Kurzmeldungen durch. Der Krieg zwischen dem Mars und dem Gürtel eskalierte mit jedem Vorfall weiter. Die Abspaltung der Ceres-Station war allerdings die wichtigste Schlagzeile. Marsianische Kommentatoren warfen der Erde vor, nicht an der Seite der Brüder auf dem anderen inneren Planeten zu stehen. Die Erde hätte doch wenigstens die Sicherheit der Ceres-Station dem Mars überantworten können. Aus dem Gürtel waren unterschiedliche Reaktionen zu vernehmen – die Freude darüber, dass die Erde rapide an Einfluss verlor, ein Anflug von Panik, weil Ceres seine Neutralität eingebüßt hatte, Verschwörungstheorien, dass die Erde den Krieg auf beiden Seiten anstachelte.
Miller enthielt sich jeden Urteils.
»Ich denke immer an Kirchenbänke.«
Miller sah sich um. Der Mann neben ihm war ungefähr in seinem Alter, wie man an den grauen Strähnen im Haar und dem leichten Bauchansatz erkennen konnte. Das Lächeln verriet Miller, dass es sich um einen Missionar handelte. Er war im Weltraum unterwegs, um Seelen zu retten. Natürlich waren auch das Namensschild und die Bibel deutliche Hinweise.
»Die Sitze, meine ich«, ergänzte der Missionar. »Sie erinnern mich immer an den Kirchgang. So ordentlich aufgestellt, eine Reihe hinter der anderen. Nur dass wir Kojen anstatt einer Kanzel haben.«
»Unsere Heilige der Durchschlafenden«, erwiderte Miller und ließ sich wider Willen in ein Gespräch hineinziehen, das er nicht führen wollte. Der Missionar lachte.
»Etwas in dieser Art«, sagte er. »Gehen Sie in die Kirche?«
»Schon seit Jahren nicht mehr«, erwiderte Miller. »Ich war Methodist, als ich überhaupt mal irgendetwas war. Welche Version verkaufen Sie?«
Der Missionar hob beschwichtigend die Hände. Die uralte Geste, die schon im Pleistozän auf den Ebenen Afrikas bekannt gewesen war. Ich habe keine Waffe, ich suche nicht den Kampf.
»Ich kehre gerade von einer Konferenz auf Luna nach Eros zurück«, sagte er. »Die Zeiten, in denen ich auf Bekehrung aus war, liegen weit hinter mir.«
»Ich dachte, so etwas hört nie auf«, erwiderte Miller.
»Eigentlich nicht, jedenfalls nicht offiziell. Aber nach ein paar Jahrzehnten sehen Sie ein, dass es im Grunde nichts ändert, ob Sie es nun versuchen oder bleiben lassen. Ich reise immer noch oft und rede mit den Menschen, manchmal auch über Jesus Christus. Manchmal über das Kochen. Wenn jemand bereit ist, Christus zu akzeptieren, braucht es keine große Anstrengung von meiner Seite, um ihm zu helfen. Sind die Menschen nicht bereit, dann nützen auch die schönsten Predigten nichts. Warum sollte ich mich also abstrampeln?«
»Reden die Leute über den Krieg?«, fragte Miller.
»Oft«, bestätigte der Missionar.
»Versteht überhaupt jemand, was da im Gange ist?«
»Nein. Ich glaube sowieso nicht, dass man einen Krieg wirklich verstehen kann. Es ist ein Wahnsinn, der uns im Blut liegt. Manchmal greift er um sich, manchmal hört er von selbst wieder auf.«
»Das klingt mehr nach einer Krankheit.«
»Der Herpes der Menschheit?«, sagte der Missionar lachend. »Es gibt sicher schlimmere Vergleiche. Solange wir Menschen sind, wird uns dies jedenfalls nicht loslassen.«
Miller betrachtete das breite Gesicht, das ihn an einen Mond erinnerte.
»Solange wir Menschen sind?«
»Manch einer glaubt, wir könnten
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