Lieben: Roman (German Edition)
hatte, ich sagte, ja natürlich, er reichte mir zwei Bögen Papier, ich begann zu lesen, es war ein absolut fantastischer Anfang, Dynamit explodierte apokalyptisch in einer alten, bäuerlichen Welt, ein Kind lief aus der Schule weg und in den Wald hinein, es war magisch, aber als ich zufällig flüchtig von meiner Lektüre aufblickte und zu ihm hinübersah, hatte er den Kopf in den großen Händen verborgen wie ein Kind, das sich schämt.
»Oh Gott, ist das peinlich«, sagte er. »So verdammt peinlich.«
Wie bitte?
War er verrückt geworden?
Dieser Mann, mit seinem Wesen, das so starrköpfig wie großzügig, so beweglich wie unerschütterlich war, wollte Linda und mich in Stockholm besuchen.
Zwei Tage vorher waren wir zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Mikaela wurde dreißig. Sie wohnte in einem Einzimmerapartment auf Södermalm, unweit von Långholmen, das dicht gefüllt mit Menschen war. Wir fanden einen Platz in einer Ecke und unterhielten uns mit einer Frau, die Vorsitzende einer Art Friedensorganisation war, wenn ich es richtig verstanden hatte, und ihrem Mann, der Computeringenieur war und für ein Telefonunternehmen arbeitete. Sie waren sympathisch, ich trank zwei Bier, bekam Lust auf etwas Stärkeres, fand eine Flasche Aquavit und begann, mich aus ihr zu
bedienen. Ich wurde immer betrunkener, die Nacht brach herein, nach und nach gingen die Leute nach Hause, wir blieben sitzen, ich am Ende so sturzbesoffen, dass ich aus den Servietten Papierkügelchen drehte und sie den Leuten in meiner Nähe an den Kopf warf. Es war nur noch der innerste Zirkel da, Lindas engste Freunde, und wenn ich mich nicht damit amüsierte, ihnen Papierkügelchen an den Kopf zu werfen, plapperte ich über alles, was mir in den Sinn kam, und lachte viel. Ich versuchte, über jeden von ihnen etwas Nettes zu sagen, was mir nicht ganz gelang, aber meine gute Absicht war immerhin unverkennbar. Am Ende zog Linda mich nach draußen, ich protestierte, es war doch gerade so gemütlich, aber sie riss mich mit, ich streifte den Mantel über, und dann waren wir plötzlich unterhalb der Wohnung auf dem Weg die Straße hinunter. Linda war stinkwütend auf mich. Ich verstand nur Bahnhof, was war denn jetzt wieder verkehrt? Ich war so betrunken. Niemand sonst war betrunken, hatte ich das nicht gemerkt? Nur ich war besoffen. Alle anderen fünfundzwanzig Gäste waren nüchtern gewesen. So war das in Schweden, Ziel eines geglückten Abends war es, dass alle die Party in demselben Zustand verließen, in dem sie auch gekommen waren. Ich war daran gewöhnt, dass die Leute tranken, bis die Decke abhob. Waren wir etwa nicht auf einem dreißigsten Geburtstag gewesen? Nein, ich hatte sie blamiert, nie zuvor war ihr etwas so peinlich gewesen, das waren ihre besten Freunde, und da saß ich, ihr Mann, über den sie so tolle Sachen erzählt hatte, da saß dieser Mann und lallte und bewarf die Leute mit Papierkügelchen und beleidigte sie ohne jeden letzten Funken Selbstbeherrschung.
Ich wurde wütend. Sie überschritt gerade eine Grenze. Vielleicht war ich aber auch nur so betrunken, dass ich keine Grenzen mehr kannte. Ich beschimpfte sie, warf ihr an den Kopf, wie schrecklich sie war, dass es das Einzige war, was sie
im Kopf hatte, mir Grenzen zu setzen, mich an Dingen zu hindern, mich möglichst eng an die Kandare zu nehmen. Das ist krank, schrie ich, du bist krank. Zum Teufel, jetzt verlasse ich dich. Mich siehst du nie wieder.
Ich ging so schnell ich konnte fort. Sie lief mir hinterher.
Du bist betrunken, sagte sie. Beruhige dich. Wir können morgen darüber reden. Du kannst in diesem Zustand doch nicht in die Stadt laufen.
Und warum soll ich das verdammt nochmal nicht können?, sagte ich und riss ihre Hand fort. Wir hatten den kleinen Parkstreifen erreicht, der zwischen ihrer Straße und der nächsten lag. Du kommst mir nicht mehr unter die Augen, schrie ich, eilte auf die andere Seite und in Richtung der U-Bahn-Station Zinkensdamm. Linda blieb vor der Wohnung stehen und rief mir hinterher. Ich drehte mich nicht um. Ging quer über Södermalm, durch die Altstadt und zum Hauptbahnhof, auf dem ganzen Weg unvermindert wütend. Mein Plan war simpel: Ich würde mich in den Zug nach Oslo setzen, aus dieser gottverdammten Scheißstadt abhauen und nie mehr wiederkommen. Nie mehr. Nie mehr. Es schneite, es war kalt, aber die Wut hielt mich warm. Im Bahnhofsgebäude gelang es mir kaum, die Buchstaben auf der Anzeigetafel voneinander zu unterscheiden, aber
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