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Liebesbrand

Liebesbrand

Titel: Liebesbrand Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Feridun Zaimoglu
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riefen nur: Halt’s Maul! Sie stoben davon, wenn sie ihn sahen, er hörte die Stimme des böse
     Strophen säuselnden Weibes dort draußen, und die Fischer wollten ihn weghaben, damit er das Unglück nicht anzog, sie beschlossen
     es heimlich, es war, so glaubten sie, vorhergesehen, also griffen sie den Jungen und legten ihm die geseifte Hanfschlinge
     um den Hals, und das lange Seil warfen sie um einen Ast, und als vier Fischer an seinen Beinen zogen, brach es ihm das Genick.
     Und sofort schoß unter dem Gehenkten die wundersame Wurzel in der Erde, verborgen vor den Mördern, in deren Seelen sich ein
     schwarzer Bleistiftstrich einzeichnete, vom Scheitel bis zu den Fußballen, der Jüngling war doppelt unschuldig, er hatte seine
     Unschuld noch nicht verloren, und er war unschuldig, weil das Weibchen tatsächlich sang und alle Fischer, die bei dem Mord
     dabeiwaren, alsbald in den Ruin und die Verrücktheit sang, das Elend, lieber Herr Zoller, lieber Herr Doktor Baumann, fängt
     ja damit an, daß die Menschen glauben, einer unter ihnen wäre ein geistig Verschmutzter, den sie verschwinden lassen wollen.
     Wie auch immer, das Alraunmännchen, das ich Ihnen zum Verkauf anbiete, ist im Zeichen der doppelten Unschuld gewachsen, das
     müssen Sie bei unseren Verhandlungen bedenken. Lassen Sie sich Zeit, wir werden jetzt zum Fruchtstand gehen und Karottensaft
     trinken, mein Mund ist trocken.
    Wir sahen aus wie Heiden im Licht, in jenem Licht |314| nach einem Regenfall, das Dunst und Dämmer mischt, vor mir Gabriel, der seine schwarze Hose so lange tragen würde, bis sie
     ihm vom Leib fiel, neben mir Napp, der eine ernste Miene aufsetzte, und in wenigen Schritten Entfernung die beiden Herren,
     Herr Zoller beugte sich zu dem Doktor, er hielt ihm sein Ohr hin, und ich löste mich und schüttelte sie ab und ging langsam
     auf die Kirchentür zu, es drohte mir keine Gefahr, doch nicht hier, wo meine und unsere Schlafplätze verborgen blieben hinter
     den Mauern, hinter den Türen, und wenn ich durch diese Tür eintrat, war ich unerreichbar für meinen Freund und seinen Bekannten,
     und ich trat ein und sah das zur Anbetung freigegebene eingefaßte Bild, eine bekrönte Frau hielt ihr bekröntes Kind in den
     Armen, und ich schnürte am Gestühl entlang, und ich las, daß das gespendete Geld für Meßintentionen mit der Bitte um die Fürsprache
     Marias verwendet wurde, auf dem Schriftentisch lagen Wallfahrtsbildchen, ich warf eine Münze in den Metallkasten und ging
     wieder zurück. Kurz vor dem Heraustreten warf ich einen Blick nach rechts, hielt inne und trat in die Kapelle, die Wände waren
     mit kleinen Marmortafeln bedeckt, auf die Dank und Bitte und die Initialen der Gläubigen eingraviert waren, ich stellte mich
     neben sie, die Niederkniende, ihr Blick war auf die große Marienstatue in einer Grotte gerichtet, und ich sah sie in diesem
     Augenblick: Sie hatte ihre Haare dunkelblond gefärbt, doch ihre Augenbrauen waren noch naturhellblond, und sie bewegte ihre
     Lippen, vielleicht sagte sie ein schönes Kindergebet auf, oder aber sie tat, was die anderen taten – sprachlos zu sein und
     doch nicht wirklich zu schweigen, aufzuschauen zum hohen Steinbild und gegen das Gefühl ihrer Kleinheit anzugehen mit den
     Worten eines Zaubers, der sich nur demjenigen erschloß, der auch am hellen Tag Angst empfand, manchmal und nicht allzu oft.
     Ich |315| erkannte sie als die Frau, von der ich nicht wußte, wieso sie hier niederkniete, und ich stellte ihr die Frage, die entscheidende
     Frage, sie preßte die Lippen aufeinander und machte einen dünnen Mund, ich wiederholte leise meine Frage, ich fragte sie aber
     nicht, wieso sie vorzeitig von Neapel aufgebrochen war, sie erzählte, daß sie der Einladung einer Freundin gefolgt war, es
     hätte ihr nicht ähnlich gesehen, einfach ins Flugzeug zu steigen und dort, an der Ägäis, auszusteigen, nein, sie hatte sich
     ins Auto gesetzt und war hingefahren.
    Die Freundin, sagte Tyra, hatte vor, eine mehrjährige Beziehung zu einem wilden trostlosen Mann zu beenden, sie bezog die
     Ferienwohnung ihrer Mutter, die ihr aufgetragen hatte, alles in einer Woche zu erledigen, sie würde dann kommen und hoffen,
     daß die Nachbarn sie nicht bedrängten und nicht beleidigten. Als ich dort ankam, geriet ich in einen Streit, der Mann legte
     sich der Länge nach auf den Boden und weinte, eine befremdliche Sitte, meine Freundin schrie, und der Kerl schluchzte wie
     ein Kind, da hielt ich es

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