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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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zu, hast du eine Zigarette, und ich sage, nein, ich habe keine, er kommt auf uns zu, noch immer fast nackt, ich bin frei, verkündet er, genau wie ihr, sie sind weggegangen, um für mich Anziehsachen und Schuhe aus einem Lager zu holen, aber ich weiß nicht, wo ich hingehen soll.
    Was ist mit deiner Mutter? Gegen meinen Willen werde ich wieder in ein Gespräch mit ihm gezogen, er sagt, meine Mutter erlaubt nicht, daß ich zu ihr komme, und plötzlich fragt er, kann ich vielleicht mit euch gehen, solange dein Mann im Krankenhaus liegt, habt ihr doch bestimmt Platz zu Hause, seine Stimme wird flehend, nehmt mich mit, ich habe keinen Ort, wo ich hingehen kann, und Noga zieht mich am Ärmel, vielleicht sollen wir ihn wirklich mitnehmen, Mama, als ginge es da um eine Straßenkatze. Bist du verrückt geworden, zische ich ihr zu, der Junge da ist nicht in Ordnung, er braucht besondere Betreuung, siehst du das nicht? Und er läuft uns nach, ein schrecklicher Tarzan mit dem Gürtel eines zerrissenen Pyjamas um die Hüften, ihr werdet sehen, daß ich komme, schreit er uns nach, ich verfolge euch bis nach Hause, und ich sage, es tut mir leid, Jirmejahu, unsere Wohnung ist zu klein, wir haben nicht genug Platz für dich, und er brüllt, bald werdet ihr genug Platz in eurer Wohnung haben. Ich stoße Noga in den Aufzug, die Tür schließt sich vor seiner geballten Faust, aber sein Fluch dringt in den leeren Aufzugschacht, trudelt hinunter und schlägt gegen die Wände, bald werdet ihr genug Platz in eurer Wohnung haben.

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    5
    Die ganze Nacht halte ich sie in dem großen Bett im Arm, wir schlafen beide kaum, wir dösen in einem fiebrigen Dämmerzustand ein und wachen wieder auf, hin- und hergerissen zwischen Angst und glücklicher Verzögerung, es passiert etwas, endlich passiert etwas in diesem Leben, von dem ich schon dachte, es würde sich nie mehr ändern, dann schlägt mir die Mißbilligung ihre Fäuste in die Rippen, und die Decke senkt sich wütend über mich, es fehlt nicht viel, und sie begräbt uns unter sich, legt sich über uns, eine riesige Betondecke, ich hebe die Hand, versuche, den Einsturz aufzuhalten, und Noga murmelt, was machst du, Mama, und ich schüttle mich, sehe erleichtert, wie die Decke sich wieder hebt, dann versinke ich sofort wieder, vor meinen Augen drehen sich die Ergebnisse seiner Untersuchungen, Details prasseln auf mich herab, die sich erst am Morgen zu einem Ergebnis zusammenfügen werden, zu einem gnädigen oder zu einem ungnädigen. Die roten Reagenzgläser mit seinem sprudelnden Blut, die blassen Schatten seiner Knochen, die Schnitte seines Rückens, das Mysterium seines Gehirns, die Schemen seiner Muskeln und Nerven, die ganze schicksalhafte Mischung, die sich jetzt gegen uns verbündet wie in einer grausamen Verschwörung. Hoffentlich finden sie nichts, hoffentlich finden sie etwas, was sich leicht heilen läßt, ich bin bereit zu neuen Gelübden, zu neuen Urteilssprüchen über mich, er soll bloß gesund werden, dann packt mich der Schlaf und führt mich auf eine Reise, quälend und wild wie ein Sandsturm, und läßt mich doppelt erschöpft auf meinem Bett zurück, vor Nogas aufgerissenen Augen, Mama, schläfst du? Und ich murmele mit einem Mund voll Staub, nein, ich passe auf dich auf. Glaubst du, daß Papa jetzt schläft, fragt sie, und ich sage, ja, bestimmt schläft er, und jetzt schlaf du auch, mein Mädchen, und sie fragt, was passiert, wenn Papa nie mehr gehen kann, doch bevor ich ihr antworte, ist sie schon eingeschlafen, wacht aber gleich wieder auf, Mama, ich habe Hunger. Ich stehe schwerfällig auf, um ihr ein Brot zu machen, aber sie weigert sich zu essen, erst wenn Papa wieder gesund ist, werde ich essen.
    Am Tor zur Schule, die eingezäunt ist wie ein Gefängnis, trenne ich mich von ihr, ihre wilden Locken scheinen schlaff zu sein vor Hunger und liegen weich um ihr Gesicht, aus ihren Augen strahlt das trockene Feuer der Sturheit und Schwäche, ich sehe, wie sie allein über den Hof geht, andere Kinder laufen in Grüppchen an ihr vorbei, sie lachen und erzählen sich Geheimnisse, aber niemand bleibt bei ihr stehen, niemand will seine Sorgen mit ihr teilen. Mit schwerem Herzen mache ich mich auf den Weg zum Krankenhaus, da, zu meiner Rechten, ist schon wieder das abgerissene Café, weißer Rauch steigt von ihm auf, dicht und kräuselnd, Arbeiter in hellen Overalls schweben wie Engel umher und tragen Werkzeuge in den Händen, um alles zu zerstören und keine Erinnerung

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