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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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fröhlich wie in die Freiheit entlassene Gefangene, unter die Betten rollten, innerhalb eines Augenblicks sahen sie nicht mehr ernst aus, sie wollten nur fröhlich sein und keine Vorhersagen mehr machen, und ich kroch unter das Bett, versuchte, sie zusammenzufügen, zwischen den Scherben des zerbrochenen Glasröhrchens, zerdrückte mit den Knien den Mythos, der seine Größe verloren hatte. Zu meinem Entsetzen hörte ich Schritte näherkommen, ich wagte nicht, den Blick zu heben, Papa, mach dir keine Sorgen, sagte ich weinend zwischen den Scherben, ich kaufe dir ein neues, morgen früh kaufe ich dir ein neues, mit dem Geld, das wir zur Hochzeit bekommen, und er sagte mit seiner leisen, tonlosen Stimme, solche gibt es nicht mehr, das ist ein altes, einzigartiges Barometer, aber ich blieb dabei, ich besorge dir eins, genau das gleiche, ich bekomme Geld zur Hochzeit, und mit dem ganzen Geld kaufe ich dir so eines, und die Migräne schloß sich wie ein Schraubstock um meinen Kopf, wie werde ich unter dem Hochzeitsbaldachin stehen können und wie wird er neben mir stehen, ausgerechnet an meinem Ehrentag um den Rest seiner Größe beraubt, und ab da versteckte ich mich vor ihm im Lärm meines neuen Lebens, ich vergaß mein Versprechen, und nur bei den wenigen Malen, die ich ihn besuchte, störte mich der Schatten des Barometers an der Wand, und ich versprach, morgen werde ich dir so eines kaufen, und er nickte schweigend, niemand fragte ihn mehr, ob es heiß oder kalt werden würde, und so, seiner Kraft beraubt, starb er eines Nachts leise im Schlaf an einem Herzschlag, während unter seinem Bett noch immer die aufsässigen Quecksilberkügelchen herumtobten.
    Ich werde hinuntergehen und dir eine Zitrone bringen, sage ich schnell, bevor er mich zurückhalten kann, und lehne mich von draußen an die verschlossene Tür, einen Moment lang bin ich frei, wenn es nur eine Migräne ist, ist es wirklich nicht so schlimm, mit einer Migräne komme ich zurecht, aber als ich den Speisesaal betrete und Gäste sehe, die vergnügt kauen, gar nicht genug gesunde Nahrung in sich hineinschlingen können, da wird mir klar, daß ich mich bereits in einer völlig anderen Existenz befinde, denn das, was mich heute erwartet, ist völlig anders als das, was sie erwartet, mich erwartet kein Ausflug mit einem Jeep, kein Picknick inmitten des Frühlings, kein Pool, ich setze mich an den kleinen Tisch, für zwei Personen, es gibt hier keine Tische für einen einzigen Menschen, ich betrachte die strahlende Landschaft, die sich jetzt, nach dem Sturm, draußen erstreckt, das Tal ist blau wie das Meer, Boote aus roten Dachziegeln segeln ruhig durch das Blau, ausgerechnet an einem so schönen Ort hört er auf zu sehen, denke ich, und wieder kommen mir die Tränen, diese durchsichtigen Medusen, sie brennen auf meinen Wangen, und ich senke den Kopf, um die vergnügten Menschen um mich herum nicht zu sehen und um nicht bei meiner Schande ertappt zu werden. Der Kellner gießt mir Kaffee ein, ich blicke ihn unter Tränen an, als hätte er mir das Leben gerettet, wie armselig bin ich in diesen wenigen Stunden geworden, und die ganze Zeit spüre ich über der mit kleinen Lampen wie mit Sternen übersäten Decke seine fordernde Anwesenheit, zwei Stockwerke über mir, wie er zornig und undankbar alles beobachtet, was ich tue, und mich unter sich erdrückt. Ich stehe auf und gehe zum Büffet, erschrecke vor dem ausgestellten Überfluß, kann mich nicht entscheiden, was ich essen soll, eine junge Frau neben mir belädt einen bunten Teller, ihr Körper bewegt sich gierig in ihrem Bademantel, sie kippt Karottensaft über mich und entschuldigt sich noch nicht einmal, und ich packe ein Brötchen, als würde ich es stehlen, und kehre zu meinem Tisch zurück, ich schaffe es kaum, zu essen, dieser ganze Überfluß provoziert mich, ärgert mich, und ich fliehe regelrecht zur Treppe, und erst an der Tür fällt mir ein, daß ich die Zitrone vergessen habe, alles hat es dort gegeben, außer dieser Kleinigkeit, der einzigen, die ich wirklich brauche. Zögernd gehe ich zur Küche, ein tadelnder Blick trifft mich, ganz anders als diese unendlich höflichen Blicke draußen, ich bitte um eine Zitrone. Hier, abseits des überbordenden Frühstücksbüffets, fühle ich mich schon wohler, und auch als ich die große, goldene Zitrone schon in der Hand habe, habe ich es nicht eilig, wieder zu gehen, ich streichle die Zitrone, als wäre sie ein Paradiesapfel für eine Sukka, die ich mit

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