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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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großer Mühe gebaut habe. Vorsichtig trage ich die Zitrone die Treppe hinauf, halte sie vor mich, als ich eintrete, wie ein Opfer, das niemand annimmt, denn das Zimmer ist leer, auch der breite Sessel, das Badezimmer, die Toilette, er ist nicht da, auch nicht sein Zorn, und ich setze mich auf das Bett und kaue, ohne es zu merken, an der Schale der Zitrone. Was ist passiert, habe ich meinen Auftrag nicht richtig ausgeführt, bin ich zu spät gekommen, oder hat sich sein Zustand plötzlich gebessert und er ist losgelaufen, um mir mitzuteilen, daß alles wieder in Ordnung ist, und um sich für das zu entschuldigen, was er während seines plötzlichen Anflugs von Blindheit gesagt hat, wir werden unseren Liebesurlaub fortsetzen und sorglos wie Engel in unseren weißen Bademänteln an den Hängen herumtollen. Diese Möglichkeit erfüllt mich mit Glück, ich werde ihm verzeihen, auch wenn er sich nicht entschuldigt, wenn wir nur in Frieden nach Hause zurückkehren, wegen Noga, damit sie nicht im Netz unserer Zwistigkeiten gefangen wird.
    Ich stehe auf und gehe zum Fenster, und plötzlich steht der goldene Tag neben mir, vielleicht werden wir uns ja noch anfreunden, ich und die Sonne und die Bäume und die Blumen, jetzt erst bemerke ich sie, Wasserfälle aus Frühlingsblumen in Gelb und Rot und Lila, von weitem sind sie namen- und gattungslos, bestehen nur aus kräftigen Farben. Zweifellos findet dort unten ein Fest statt, ich bin bereit mitzufeiern, mich in das kurze Leben der Frühlingsblumen zu mischen, ein Leben, fast so schnell erloschen wie das eines Streichholzes, und da sehe ich zwischen den Bäumen eine helle Gestalt, die sich tanzend bewegt, sie hüpft von einem Baumstamm zum anderen, bückt sich, senkt das Gesicht zu Boden, als folge sie einem alten Kult, der mir angst macht. Schnell laufe ich hinunter, verlasse das Hotel, eile zu den Bäumen, und dort liegt er ausgestreckt, zwischen den hohen Chrysanthemen und dem glänzenden Hahnenfuß, seine Schultern beben, und röchelnde Töne steigen von ihm auf wie aus den Tiefen der Erde.
    Ich falle über ihn her, Udi, was ist passiert, ich knie mich neben ihn, wie geht es deinen Augen, siehst du etwas? Und er stöhnt, die Augen sind in Ordnung, aber ich kann fast nicht atmen, mir ist übel, und ich frage, warum bist du überhaupt aus dem Haus gegangen, warum hast du nicht im Zimmer auf mich gewartet, ich habe dir eine Zitrone gebracht, und er keucht, ich konnte nicht oben bleiben, ich mußte hinausgehen, oben habe ich keine Luft mehr gekriegt. Hilflos schaue ich mich um, die Sonne erwärmt schon meinen Rücken, es ist, als hätte in dieser Nacht eine Revolution stattgefunden und der Sommer hätte die Herrschaft übernommen. Komm, sage ich, gehen wir zurück zum Hotel, ich bringe dir Wasser und etwas zu essen, und er richtet sich auf, lehnt sich lang und schwer an mich, weigert sich aber zu gehen, ich dränge ihn, Udi, du mußt etwas trinken, das wird dir helfen, und er murmelt, aber ich darf nicht mit dir ins Hotel gehen und ich darf nichts essen und nichts trinken, und ich sage, ja, ja, wie man einem kleinen Kind antwortet, und dann kapiere ich es, was hast du gesagt? Wer hat es dir verboten? Und er fährt mit derselben ergebenen Stimme fort, ganz anders als seine aggressive Stimme am Morgen, als ich auf dich gewartet habe, ist mir eine Geschichte aus dem ersten Buch der Könige eingefallen, ein Mann Gottes kam von Juda nach Beth-El, und es war ihm befohlen durch des Herrn Wort: Du sollst kein Brot essen und kein Wasser trinken und nicht den Weg zurückgehen, den du gekommen bist. Was hat das mit dir zu tun, frage ich ihn ungeduldig, und er sagt, ich fühle, daß es mit mir zu tun hat, ich darf hier nichts essen und nichts trinken, und ich muß hier weg, bevor es jemandem gelingt, mich zum Essen zu überreden, wie es bei jenem Propheten gelungen ist, du weißt doch, was mit ihm passiert ist? Ein Löwe hat ihn getötet, und sein Leichnam kam nicht ins Grab seiner Väter. Er wirft mir einen furchtbaren Blick zu, und ich versuche, seine Arme wegzuschieben, die vor Angst an mir kleben, vielleicht ist er wirklich nicht in Ordnung, vielleicht haben die Ärzte recht gehabt, ich hätte zulassen sollen, daß sie ihn in die psychiatrische Abteilung einweisen, wie konnte ich mir nur einbilden, daß ich mit seiner Seele schon fertig würde?
    Hilf mir zum Auto, stöhnt er, ich warte dort, bis du gepackt hast, ich darf hier nicht länger bleiben, und ich führe ihn zum Auto, in dem

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