Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie
Teilen des Sofas, und erst gegen Morgen wache ich erschrocken auf, was ist mit meinem Leben passiert, erschrocken erinnere ich mich an ihn, was tut er den ganzen Tag lang, an was denkt er, was will er, welche Pläne hat er, was kann er tun, aber wenn ich in sein Zimmer komme, sein düsteres Gesicht sehe und den abstoßenden Geruch wahrnehme, sage ich mir, ebenso aggressiv wie er, nichts, er tut nichts, er denkt nichts, er will nichts, und dann packt mich das Entsetzen, was soll aus mir werden, wie wird der Rest meines Lebens sein, ich bin schon fast wie eine verlassene Frau, und dann versuche ich herauszufinden, was von meiner Liebe zu ihm noch übrig ist, dieser Liebe, die fast so alt ist wie ich selbst, was ist geblieben von dem, was wir in all diesen Jahren getan, gelernt, gesammelt haben, und wieder hallt mir dieses Wort in den Ohren, nichts, es ist nichts geblieben.
Denn so wie gegen jedes Gefühl ein anderes aufsteht und es unterdrückt, nur um selbst vom nächsten unterdrückt zu werden, so wird die Liebe trübe wie stehendes Wasser, ein fauliger Schlamm, in dem es von Insekten wimmelt, und die Anziehung, die ab und zu wie ein Erinnerungsfunken aufflackert, wird vom Widerwillen besiegt, wenn ich ihn da liegen sehe, ausgestreckt auf den Laken, die er mich nicht wechseln läßt, und gegen Mitleid und Erbarmen stehen Wut und Zorn, wie wagt er es, unser Leben zu zerstören, und inzwischen scheint mir auch die Frage bedeutungslos, die mich am Anfang so beschäftigt hat, ob er tatsächlich an einem körperlichen Gebrechen leidet oder ob er sich nur verstellt, denn schließlich bin ich in beiden Fällen vollkommen hilflos, ich kann nichts dagegen tun, gar nichts, ich kann nur zuschauen, wie der Sommer näher kommt, immer schneller und grausamer, wie er seine gelben Fingernägel in die Augen schlägt, Flecken auf meine Haut malt, die nicht mehr weggehen, und mein Blut zum Kochen bringt, bis Dämpfe von mir aufsteigen, Dämpfe von Neid und Haß.
Denn nun beneide ich fast jedermann, ich laufe kochend vor Zorn durch den Supermarkt, halte zwischen den Regalen Selbstgespräche, und jede Frau, die ich sehe, kommt mir glücklich vor, sie füllt ihren Wagen mit Bierdosen, ein Zeichen dafür, daß sie an diesem heißen Abend mit ihrem Mann auf dem Balkon sitzen und etwas Kaltes trinken wird, wie wir es früher immer getan haben, einen Sommer nach dem anderen, manchmal hockten wir auch auf dem Sofa vor einem langweiligen Film, heute abend gibt es etwas Tolles im Fernsehen, hatte er begeistert verkündet, aber nach einer halben Stunde war er schon eingedöst, während ich weiterhin den Bildschirm anstarrte und den Figuren, die ihr Leben vor mir ausbreiteten, meine Aufmerksamkeit schenkte, und am Ende des Films wachte er meistens auf, lächelte entschuldigend, goß uns noch ein Bier ein und streichelte meine nackten Schenkel. Heute beneide ich sogar die Mädchen in unserem Heim, diese jungen Dinger, fast noch Kinder, deren Leben sich beugt wie ihre Leiber, in deren Mitte eine Beule wächst, bedrohlich wie eine Geschwulst. Plötzlich wächst mir eine harte Schale ums Herz, und ich betrachte die Mädchen gleichgültig, natürlich haben sie es im Moment schwer, aber in ein paar Wochen sind sie ihr Problem los, dann wird das Kind geboren, das in ihrem Bauch verborgen ist, es wird den Adoptiveltern übergeben, die schon jahrelang darauf warten, und alles wird wieder gut. Es ist wahr, daß jedes Kind, das sie auf der Straße sehen, ihr Herz erzittern lassen wird, es ist ebenfalls wahr, daß dieses verlorene Kind sie auch dann begleiten wird, wenn sie heiraten und eine Familie gründen, es wird sie nachts mit seinem Schweigen aufwecken, es wird auf den riesigen Rutschen zwischen Himmel und Erde herabgleiten, aber dennoch haben sie die Wahl, ihr Leben ist noch offen, meines schon nicht mehr.
Manchmal, bei unseren Sitzungen, betrachtet Chawa mich prüfend, und ich habe Angst, sie könne vielleicht meine Gedanken erraten, ketzerische Gedanken, die in unserem Beruf nicht erlaubt sind, wie oft haben Annat und ich davon geredet, wie klein die eigenen Probleme seien im Vergleich zu dem Leiden, das man hier sieht, und nun geschieht bei mir das Gegenteil, meine eigenen Probleme verkleinern alle anderen um mich herum, die Probleme, um die ich mich nach besten Kräften kümmern muß, aber ich habe keine Geduld. Ich habe keine Geduld mehr für diese sattsam bekannten Gespräche, ich habe keine Geduld mehr, den Mädchen dabei zu helfen, ihre
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