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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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wohnt, meine Mutter ist die einzige Person, mit der sie gern spricht, nur ihr erzählt sie von ihren Schwierigkeiten in der Klasse, ich selbst weiche meiner Mutter schon seit Wochen aus, nicht jetzt, Mama, erzähl mir nichts. Wenn Noga abends heimkommt, wirkt sie erleichtert, ich kann mich nicht beherrschen und frage, warst du bei Meiraw, und sie sagt bitter, nein, bei Oma, und dann zahlt sie es mir heim und fragt, wie geht es Papa, und ich sage bitter, nichts Neues, was ist mit deinen Aufgaben, und schon findet die übliche Zeremonie statt, Hefte suchen, das Aufgabenheft, der ganze Inhalt der Schultasche ist schon auf den Teppich gekippt, alte Kaugummis kleben wie Schnecken an Heften und Büchern, ich betrachte Noga enttäuscht, weiß nicht, wo ich anfangen soll, wieder hat sie vergessen, ihre Aufgaben einzutragen, oder sie hat es nicht geschafft, sie von der Tafel abzuschreiben, die Lehrerin wischt die Tafel immer sauber, bevor Noga alles abgeschrieben hat, wir müssen deine Augen untersuchen lassen, sage ich, und sie fängt fast an zu weinen, ich will keine Brille, weil mich sonst alle auslachen.
    Manchmal bleibt sie über Nacht bei meiner Mutter, dann schlafe ich in ihrem Bett, auf dem schmalen, harten Bett schlafe ich am besten, und im ersten Augenblick des Tages, noch bevor ich weiß, ob es kalt oder warm ist, gut oder schlecht, habe ich das Gefühl, noch immer ein Kind zu sein, im Haus meiner Eltern, bevor sie sich scheiden ließen, gleich wird mein Vater hereinkommen und mir sagen, wie das Wetter sein wird, ob ich einen Pulli oder einen Mantel anziehen soll, und ich verkrieche mich noch ein bißchen in dem gemütlichen Bett, ich muß Noga nicht drängen und ihr sagen, daß sie endlich aufstehen, sich anziehen und kämmen soll, ich trinke langsam meinen Kaffee, dusche genüßlich und gehe, in ein Handtuch gewickelt, ins Schlafzimmer, um mir was zum Anziehen zu holen, nur meine Kleider sind noch dort, eine Erinnerung an ein früheres Leben, und er liegt wie immer im Bett, mit offenen Augen, ein versteinertes Überbleibsel aus den Tagen der Schöpfung.
    Einmal lege ich mich zu ihm ins Bett, direkt nach dem Duschen, an einem überraschend kühlen Sommermorgen, der in mir eine angenehme Erregung weckt, plötzlich scheint mir alles viel einfacher zu sein, als hätte ich alles in der Hand, und ich streichle seinen trockenen Körper, um ein Lebenszeichen in ihm zu wecken, ich lache und weine und flehe, Udi, hör auf damit, Udigi, du sollst gesund werden, komm, machen wir Liebe, und dann trinken wir Kaffee auf dem Balkon und frühstücken, wir haben es in der Hand, Udi, hören wir endlich auf damit, und schon kommt es mir vor, als erwache sein Körper, er umarmt mich mit weichen Armen, ich küsse seine eingefallenen Wangen, streichle vorsichtig sein Glied, überrascht, daß es immer noch existiert, ich habe schon geglaubt, es sei abgefallen und verfault wie die Orangen im Hof, ich ziehe die Decke weg und setze mich auf ihn, wie er es immer gern gehabt hat, drücke mich gegen sein hartes Becken, aber sein Glied erschlafft unter mir, verschwindet zwischen seinen Schenkeln, das erste Mal, daß uns so etwas passiert, und ich flüstere, ist nicht schlimm, Udi, wir versuchen es ein andermal, es wird alles gut, und mir scheint, als jammerten seine Glieder unter mir, als flehten sie um Hilfe, und ich beschimpfe mich selbst, warum habe ich es überhaupt versucht, warum habe ich mich auf ihn gesetzt, jetzt habe ich ihn in seiner Schwäche bloßgestellt, jeder Versuch zu helfen ist eine Katastrophe, nur was von ihm selbst kommt, wird uns retten, falls es überhaupt eine Rettung gibt.
    Er reagiert nicht, es ist, als merke er nicht, was vor sich geht, aber als ich mittags nach Hause komme, ruft er mich, Na’ama, komm her, und ich laufe in das Schlafzimmer, endlich ein Lebenszeichen, und er fragt, wo bist du gewesen, seine Stimme klingt dumpfer als die Stimme von Taubstummen. Was soll das, antworte ich, ich war bei der Arbeit, und er sagt, aber es ist schon halb drei, und ich sage, ich bin noch am Supermarkt vorbeigegangen und habe ein paar Sachen eingekauft. Und wo sind diese Sachen, fragt er, und ich verteidige mich, ich habe gesagt, die Sachen sollen geliefert werden, gleich werden sie kommen. An seinem Hals schwellen die Adern, und er schreit mit einer fremden Stimme, ich glaube dir nicht, du Hure, du hast mit jemandem gefickt, du hast dir den Schwanz besorgt, den ich dir nicht geben konnte, und ich betrachte ihn erschrocken,

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