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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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Freundinnen mit Kindern aus dem Weg, wie könnte ich ihnen in einem Café gegenübersitzen und mir ihre Klagen über Ehemänner anhören, die nichts als ihre Arbeit im Kopf haben, während mein eigenes Leben vor meinen Augen zerfällt und ich keine Möglichkeit habe, die zerbrochenen Teile aufzusammeln, wie die Quecksilberkügelchen, die sich im Haus meiner Kindheit verteilten.
    Wenn sich jemand nach Udi erkundigt, beschränke ich mich auf kurze, kühle und möglichst vage Antworten, und glücklicherweise bohrt auch keiner nach, niemand sehnt sich wirklich danach, vom Leiden seiner Mitmenschen zu erfahren. Einige sagen, laß die Zeit das ihre tun, am Schluß wird er aus der Sache herauskommen, andere meinen, je aufopfernder du dich verhältst, um so länger wird sich seine Genesung hinauszögern, du mußt gleichgültiger sein, damit ihm klar wird, daß ihm seine Spinnerei nichts nutzt, wieder andere sagen hingegen, du mußt ihn unterstützen, damit er ein Gefühl der Sicherheit bekommt, er ist dein Mann, in guten und in schlechten Zeiten, und ich höre mir das alles schweigend an, ändere meine Meinung von einem Tag auf den anderen, von einer Minute auf die andere, ich habe schon so viel getan, um ihm eine Freude zu machen, ich habe versucht, ihn mit kleinen Geschenken, mit Freundlichkeiten oder Leckerbissen zu verwöhnen, doch inzwischen bin ich so enttäuscht, daß ich keine Kraft mehr habe, mich weiter zu bemühen. Sein Blick ist feindlich und provozierend, wenn ich das Zimmer betrete, seine Forderungen sind so groß, daß man sie unmöglich befriedigen kann, denn alles, was ich tue, erweckt seinen Groll. Wenn ich ihm vorschlage, mit uns zusammen in der Küche zu essen, lehnt er es ab, wenn wir uns zu ihm setzen, klagt er, das würde ihn stören, wenn ich zur Arbeit gehe, beschwert er sich, ich würde ihn vernachlässigen, und wenn ich einen Tag frei nehme, um bei ihm zu bleiben, ignoriert er mich voller Zorn. Manchmal, wenn ich auf dem Heimweg bin, hoffe ich auf ein Wunder, vielleicht würde er mir ja die Tür aufmachen, gewaschen und wohlduftend, in sauberen Kleidern und nicht in den schmutzigen, stinkenden Lumpen, die er sich weigert zu wechseln, er würde mich umarmen und zum Bett ziehen wie früher, schnell, bevor Noga nach Hause kommt, oder er würde mit einem Buch in der Hand auf dem Balkon sitzen und mir ab und zu einen Abschnitt vorlesen, der ihm besonders gut gefällt, so wie früher, als er mir mit allen möglichen Geschichten aus der Bibel auf die Nerven fiel, jetzt wünsche ich mir, er möge mich doch beim Kochen stören, alles wäre mir recht, wenn ich nur einen Hauch Leben entdeckte, eine Spur von Interesse, an mir, an Noga, an der Welt um ihn herum, an allem, was sein Leben ausmacht.
    Doch wenn ich heimkomme, liegt er immer im Bett, und nur das gelbliche Wasser in der Kloschüssel zeigt, daß er die Toilette benutzt und nicht nachgespült hat, er weigert sich, die Wasserspülung zu drücken, weil der Krach seinen Ohren so weh tut wie die Sonne seinen Augen. Er weigert sich auch zu essen, nur ganz selten bittet er mich, ihm einen Mehlbrei zu kochen, mit geriebener Schokolade darin, den Brei, den er als Kind so liebte und den seine Mutter ihm nur kochte, wenn er wirklich krank war, aus lauter Angst, ihn zu sehr zu verwöhnen. Dies sind zweifellos unsere kurzen guten Momente, wenn ich ihm eine Schüssel mit dampfendem Brei ans Bett bringe, manchmal sitzen Noga und ich dann neben seinem Bett und essen schweigend, und er wirft uns, wie ein krankes Kind, ein triumphierendes, trauriges Lächeln zu und entblößt gelbliche Zähne.
    Manchmal vergesse ich zu fragen, wie es ihm geht, weil es schon egal ist, ob sich an einem Tag seine Hände oder Zehen nicht bewegen oder ob er am Tag darauf kaum etwas sieht oder ob ihm Schulter oder Kopf weh tun, es scheint, als ziehe ein und dieselbe Schwäche durch seinen Körper wie eine Wolke über den Himmel und lasse sich mal in diesem, mal in jenem Körperteil nieder, und selbst er, der es anfangs genossen hat, seine Schmerzen in allen Einzelheiten zu beschreiben, hat bereits aufgehört, von ihnen zu sprechen, es gibt nur ein vages Gefühl, das uns alle vereint: ich bin nicht in Ordnung, er ist nicht in Ordnung, Papa ist immer noch nicht in Ordnung.
    Aber was hat er denn, fragte Noga in den ersten Tagen, als wir von unserem Urlaub zurückgekommen waren, immer wieder, und ich antwortete, nichts Ernstes, und sie nörgelte, warum liegt er denn dann im Bett, wenn er nichts

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