Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie
Situation zu analysieren, ihnen wieder und wieder ihre Möglichkeiten klar vor Augen zu führen und ihnen zu erklären, welche Folgen ihre jeweiligen Entscheidungen haben werden, ich habe keine Geduld mehr, sie im Krankenhaus zu besuchen, wenn sie noch erschöpft und aufgeregt von der Geburt sind, um ein weiteres Mal mit ihnen durchzusprechen, ob es besser ist, das Kind selbst aufzuziehen oder es wegzugeben. Ich habe die Nase voll davon, immer nur zu geben, und mir scheint, daß Chawa das alles mit ihren scharfen Sinnen wahrnimmt und mich deshalb zweifelnd betrachtet, ich bin sicher, daß sie meine Entlassung plant, und ich schaue sie besorgt an, das hätte mir gerade noch gefehlt, Udi arbeitet schon seit Wochen nicht mehr, und mein Gehalt reicht kaum aus, ich überlege zweimal, wenn ich etwas kaufen will, und vor der Kassiererin im Supermarkt stehe ich wie vor einer Richterin, die das Urteil über mich spricht, was ist, wenn ich entlassen werde, wovon werden wir leben? Wenn ich durch den Flur gehe und sehe, daß Chawas Tür geschlossen ist, bilde ich mir sofort ein, daß sie jetzt in ihrem Zimmer Kandidatinnen prüft, potentielle Nachfolgerinnen für mich, dann treibe ich mich in der Nähe herum und klopfe schließlich bei ihr an, aber meine Ausreden führen letztlich nur dazu, daß ihr Mißtrauen und meine Angst wachsen.
Selbst für Noga bringe ich keine Geduld auf, ich kann es nicht mehr ertragen, die Hoffnung in ihren Augen zu sehen, wenn sie von der Schule nach Hause kommt, eine hündische Hoffnung, hündisch wie meine eigene, Noga ist ganz und gar ein Spiegelbild meiner eigenen Not, sie rennt zu seinem Zimmer, aber gleich ist sie wieder da, was gibt es zu essen, fragt sie niedergeschlagen, sie jammert schon nicht mehr, wann ist Papa wieder gesund, wann nimmt Papa mich mit auf seine Ausflüge, und nach dem Essen schließt sie sich in ihrem Zimmer ein, macht den Fernsehapparat an, der so alt ist, daß die Gesichter der Helden unnatürlich rot aussehen. Warum lädst du keine Freundinnen ein, frage ich, und sie murmelt, ich möchte Papa nicht stören, doch ich weiß, daß dies nicht der Grund ist, denn schon Monate vorher haben diese Besuche aufgehört. Ich versuche, sie zu überreden, dann geh du doch zu deinen Freundinnen, früher bist du öfter weggegangen, was ist mit Schira, was mit Meiraw, geh doch zu ihnen, du kannst doch nicht die ganze Zeit vor dem Fernseher sitzen, und sie flüstert, vielleicht braucht mich Papa, aber die Wahrheit will sie mir nicht verraten, und ich will sie nicht hören, nämlich daß sie schon längere Zeit keine Freundinnen mehr hat, daß ihre Welt leer geworden ist. Ich habe die Nase voll davon, mir Sorgen um sie zu machen, ich möchte, daß alles in Ordnung kommt, wenigstens bei ihr, daß sie angerufen wird, daß sie zu Pyjama-Partys oder ins Kino eingeladen wird, gestern erst habe ich Schira und Meiraw gesehen, wie sie am Kiosk Eis gegessen haben, beide waren fröhlich, dünn in ihren bauchfreien Hemdchen und kurzen Hosen, nur meine Tochter, in Udis riesigem T-Shirt und mit diesem gequälten Blick in den Augen, ist wild und schlampig, ich beobachte sie voller Zorn, warum machst du es mir so schwer, kannst du nicht wenigstens so tun, als wäre bei dir alles in Ordnung, wie soll ich es schaffen, so viele Löcher auf einmal zu stopfen, ich habe nicht genug Finger dafür, du könntest doch wenigstens so tun, als würdest du ausgehen, damit ich ohne dich zusammenbrechen kann, ich habe keine Kraft mehr, mich dir gegenüber zu verstellen, doch sofort tut es mir wieder leid, ich umarme sie und sage ihr, daß sie mein liebster Schatz ist, und sie bewegt sich unbehaglich in meiner Umarmung und weicht vor der Heuchelei zurück.
Manchmal macht sie den Fernseher aus und will weggehen, dann packt mich die Angst, ihr könne unterwegs etwas passieren, wie soll sie es schaffen, mit diesem schlafwandlerischen Blick heil über die Straße zu kommen, und ich versuche, sie dazu zu bringen, zu Hause zu bleiben, komm, essen wir ein Eis, und sie lehnt ab, vielleicht später, und dann schaue ich aus dem Fenster und hoffe, sie würde von der gegenüberliegenden Tür verschluckt, der Tür zur Wohnung Meiraws, die einmal ihre beste Freundin gewesen ist, aber sie geht weiter. Und ich strecke mich auf ihrem Bett aus und weine in ihr Kopfkissen, dann wasche ich mir schnell das Gesicht und fange an zu warten, ich weiß, daß sie zu keiner Freundin gegangen ist, sondern zu meiner Mutter, die nicht weit entfernt
Weitere Kostenlose Bücher