Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie
am Ende, plötzlich bist du auch krank, jetzt versuchst du noch, mit mir zu konkurrieren, nachdem du mich krank gemacht hast, und ich gebe keine Antwort, meine Sinne sind stumpf, ich höre seine Worte kaum, lose Silben, die irgendwo im Haus zerplatzen, nur nicht mit nackten Füßen auf die Scherben treten, und auch bei ihm läßt der Ausbruch nach, es war, als hätte eine Katze, die auf der Straße überfahren wird, noch ein paar geschmeidige Sprünge gemacht, aber eigentlich ist sie schon ganz tot, und auch ich, unter ihm begraben, erwarte nichts, nur die Angst haucht manchmal noch den Atem des Lebens in meinen Körper, was wird sein, wenn ich entlassen werde, was wird sein, wenn Noga etwas passiert?
Ganz langsam, fast ohne Absicht, wandeln sich die Phantasien von seiner vollkommenen Wiederherstellung in Phantasien von seinem Tod, und ich wache gegen Morgen auf und stehe auf Zehenspitzen vor der geschlossenen Tür, ich sehe mit meinen inneren Augen den mageren Körper vor mir, starr wie ein ausgestopftes Tier, strahlend in himmlischem Glanz, und ein brennender, fast genußvoller Kummer erfüllt mich, ein Kummer, wie er die Anfänge unserer Liebe begleitet hat, die Erleichterung wetteifert mit dem Schmerz des Verlusts, wie leicht ist es, ihn nach seinem Tod zu lieben, und ich stelle mir vor, wie ich, wenn die Trauertage vorbei sind, die Treppen zu der kleinen Dachwohnung hinaufsteigen werde, ich werde mich vor die Reihe meiner Abbildungen stellen und, ohne ein Wort zu sagen, meine Kleider ausziehen, meine farbige Nacktheit wird ein Gefühl der Wärme in mir wecken, und dort, auf dem Sessel, werden alle Gelübde zunichte werden und ihre Gültigkeit verlieren, und ich werde meine Schenkel um seine Hüften schlingen, die Löckchen in seinem Nacken werden sich um meine Finger winden wie silberne Ringe.
Die Tür knarrt leise, als ich sie öffne, unser Doppelbett ist leer, aber da entdecke ich ihn ganz am Rand, fast als würde er von etwas Unsichtbarem hinausgeschoben, das Gesicht zerquält, sein eines Bein hängt in der Luft, er sieht so verloren aus, da auf dem Bettrand, gefangen in seiner Krankheit wie ein unschuldiges Kind, das vom Zaren entführt wurde und nun ins Christentum gestoßen wird, und da flattern seine Lider einen Moment lang, sein Lächeln zeigt sich im Licht des bitteren Mondes, Na’ama, verzeih mir, flüstert er, ich verstehe nicht, was mit mir los war, ich weiß nicht, was ich tun soll, ich brauche Hilfe, und ich lege mich neben ihn, streichle die durchsichtigen Haare auf seiner Brust, Udigi, ich wäre so froh, wenn ich dir helfen könnte, wenn wir nur zusammenhalten würden, könnten wir die Krankheit vertreiben, aber sie stellt sich zwischen uns, sie führt dazu, daß du mich haßt und daß ich dich hasse. Ich weiß, sagt er leise, dir ginge es viel besser, wenn ich stürbe, und ich mache mir nicht die Mühe, es zu leugnen, ohnehin wird der Schlaf dieses Murmeln im Morgengrauen bald überdecken, und auch ich werde nicht wissen, ob diese Worte überhaupt gesagt wurden, morgen, wenn ich müde und besorgt zum Auto eile, begleitet vom Glockengeläut, als weidete da, zwischen den Häusern, eine Herde Vieh, und dann werde ich die Tochter der Nachbarn erkennen, die mir mit vollen Einkaufskörben entgegenkommt, diese Frau, die in Indien gewesen ist, und sie trägt Glöckchen an den Knöcheln und den Handgelenken und in den Haaren, und ich werde sie mit einer unklaren Sehnsucht anschauen, und dann wird es mir einfallen, sag mal, hast du nicht einmal gesagt, daß du eine indische Ärztin kennst? Sie wird lachen, keine indische Ärztin, eine Naturheilerin, und ich werde sagen, das spielt keine Rolle, Hauptsache, sie ist gut, und sie wird sagen, was heißt da gut, sie ist Spitze, sie kann Tote zum Leben erwecken, und ich werde begeistert sagen, gib mir ihre Telefonnummer, ich muß sie unbedingt anrufen, und sie wird fragen, es ist für deinen Mann, nicht wahr, und ich werde antworten, ja, er erholt sich einfach nicht, glaubst du, sie wird ihm helfen können? Sie wird sagen, klar, sie holt ihn da raus, aber du mußt dich in acht nehmen, und ich frage überrascht, mich in acht nehmen, wieso, vor ihr? Und sie sagt, nein, nicht vor ihr, du mußt dich einfach in acht nehmen, weil man bei uns sagt, daß es gefährlich ist, dem Leiden ein Ende zu setzen.
#
10
Als ich ihr die Tür öffne und sie sehe, jung und mager, mit einem großen Korb in der Hand und einem dunklen, hungrigen Gesicht, halte ich sie für eine
Weitere Kostenlose Bücher