Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
Vom Netzwerk:
Bettlerin, und ich will schon nach meinem Geldbeutel greifen, da sagt sie, ich bin Sohara, und in diesem Moment fängt es in ihrem Korb an zu wimmern, sie zieht ein Baby heraus und legt es im Stehen an die Brust, sie hält es sicher in ihrem dünnen Arm. Ein genußvolles Glucksen kommt aus der Kehle des Babys, und ich staune, wie kommt so viel Milch aus dieser mageren Brust, verwundert und enttäuscht betrachte ich sie, sie soll uns retten? Sie sieht doch aus, als würde sie selbst Hilfe brauchen, genau wie die Mädchen, die zu uns ins Heim kommen, jung und verloren, mit einem viel zu schweren Korb, schade um die Anstrengung, die es gekostet hat, Udi zu überreden, stundenlang habe ich auf ihn eingeredet, bis er bereit war, sie zu sehen, warum willst du es nicht probieren, habe ich gesagt, du hast doch nichts zu verlieren. Ich habe auch nichts zu gewinnen, murrte er, dieser ganze Hokuspokus ist nichts für mich, und ich protestierte, warum denn nicht, es ist eine alte, natürliche Heilkunst, probier’s doch mal, und jetzt soll ich dieses dunkle junge Mädchen zu ihm führen, er wird sie auf der Stelle hinauswerfen und sich weigern, jemand anderen zu konsultieren. Ich zähle zornig ihre Schritte, während sie ruhig im Wohnzimmer hin und her geht, sich leise zwischen den Sesseln bewegt, bis das Baby an ihrer Schulter eingeschlafen ist, dann legt sie es wieder in den Korb und fragt mit erstaunlicher Autorität, was ist Ihr Problem?
    Dort ist das Problem, sage ich und deute auf die geschlossene Tür, er hat sich schon seit Wochen nicht mehr in der Gewalt, und dann beschreibe ich ihr widerwillig den Verlauf der Krankheit, insgeheim bin ich sicher, daß sie ihm nicht helfen kann, aber sie hört mit erstaunlichem Ernst zu, nickt mit dem Kopf, den Blick auf mein Gesicht geheftet, ich werde zu ihm gehen, sagt sie und läßt ihr lebendiges Bündel auf dem Wohnzimmerteppich liegen, wie Moses in seinem Weidenkorb, und geht, ohne zu zögern, auf die Tür zu, die sofort hinter ihr geschlossen wird. Ich setze mich neben dem schlafenden Baby auf den Teppich, betrachte das rundliche, helle Gesicht der Kleinen, sie sieht ganz anders aus als ihre Mutter, neugierig mustere ich sie, schon lange habe ich kein Baby mehr aus der Nähe gesehen. So seht ihr also wirklich aus, flüstere ich, erregt wie eine Spionin, der es gelungen ist, in feindliches Gelände einzudringen, denn obwohl ich den Mädchen im Heim ununterbrochen in den Ohren liege, es gehe um ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen, sieht es nun so aus, als hätte auch ich mich, ohne es zu merken, daran gewöhnt, diese kleinen Wesen im Bauch als etwas Abstraktes, Unwirkliches zu sehen, manchmal furchtbar, manchmal messianisch, eine himmlische Faust, die ihre Jugend in Scherben schlägt. Ich nehme die Kleine behutsam auf den Arm, kaum zu glauben, wie leicht sie ist, ihr Gesicht ist durch einen fadendünnen Hals mit dem schwerelosen Körperchen verbunden, als wäre sie noch immer eine kaulquappenartige Samenzelle, und ich schnuppere an ihr, suche den berühmten beruhigenden Babyduft, doch ich finde einen anderen Geruch, einen salzigen Geruch, der aus tiefster Tiefe aufzusteigen scheint, der mich abstößt, als hätte ich den Geruch meines eigenen Inneren wahrgenommen. Wie ist das möglich, denke ich verwundert, man hat sie noch nicht von den Rückständen ihres geheimen Geburtswegs gereinigt, und wieder steigt Zorn über diese junge Mutter in mir auf, wie kann sie Udi behandeln, wenn sie sich noch nicht einmal die Mühe macht, ihre eigene Tochter zu waschen?
    Schnell, bevor sie mir in den Händen zerbricht, lege ich sie in den Korb zurück, und zu meinem Glück schläft sie ruhig weiter, als wäre sie überhaupt noch nicht geboren, und ich gehe hinaus auf den Balkon, heute ist es weniger heiß, vereinzelte Wolken dämpfen die Sonne, es scheint, als wäre der Sommer über seine eigene Kraft erschrocken und habe beschlossen, etwas nachzugeben, beunruhigt schaue ich hinunter auf die kleine Straße, der Paternosterbaum gegenüber winkt mir eine verwelkte Entschuldigung zu, und ich lächle ihn an, das ist in Ordnung, ich habe auch nicht mehr viel zu bieten. Es ist erst ein paar Wochen her, da war er noch von Sternblüten bedeckt, ein Wipfel, bestickt mit violetten Duftfäden, an die nun nichts mehr erinnert, gelblich und gedemütigt sieht der Baum jetzt aus, nackt den Sonnenstrahlen preisgegeben, die mich vom Balkon vertreiben. Auf Zehenspitzen schleiche ich mich zu der geschlossenen

Weitere Kostenlose Bücher