Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie
besitze er den Schlüssel, als verberge sich in ihm die Antwort, und wenn sein Gesicht oder seine Stimme oder seine Gesten mich abstoßen, dann atme ich erleichtert auf, glücklich, weil meine Zweifel zerstreut sind, und wenn seine schönen Augen in dem angenehm entspannten Gesicht strahlen, packt mich Wut, und je freundlicher er sich verhält, umso feindseliger werde ich, und je feindseliger er sich verhält, umso freundlicher werde ich, denn das komplizierte und bedrückende Verfahren der Ansammlung von Indizien und das Fällen des Urteils lassen keinen Platz für natürliche Gesten, für einfache Gefühle, jedes Wort, jede Geste ist bedeutungsschwer in der Anklage- oder Verteidigungsschrift, der mein Leben gewidmet ist. Auch Gili wird, gegen seinen Willen, mit einer Aufgabe betraut, auch in ihm suche ich nach Zeichen, nach jeder Eigenschaft, die er von seinem Vater geerbt hat, ich bin gezwungen, jeden Ausdruck zu klassifizieren, und ich stürze mich auf seine Schwächen, als hätte ich einen Schatz gefunden, denn vielleicht sind sie der noch fehlende Beweis dafür, dass ich Recht hatte, das zu tun, was ich getan habe.
Mit vorsichtigen Schritten gehe ich in der Wohnung umher, ich habe Angst, Gegenstände zu verrücken, Spuren zu verwischen, als wäre dies eine historische Ausgrabungsstätte, zerstört und von ihren Bewohnern verlassen, und als sei es an mir, ihre Geheimnisse zu enträtseln und herauszufinden, was die Ursache für die vollkommene Zerstörung war, ob es sich um einen Brand, einen Krieg, eine Invasion, ein Erdbeben, um eine Dürre oder eine Klimaveränderung handelte, ob eine Naturkatastrophe oder Menschenhand schuld war, ich versuche den Niedergang zu entziffern, in umgekehrter Reihenfolge zum Entstehen der Schichten des Hügels über der Fundstätte, die schweigenden Gegenstände zum Sprechen zu bringen, wie eine Bronzemünze, fallen gelassen und vergessen und mit Grünspan überzogen, zerschlagene Keramiken, an denen die Geschichte unserer Familie abzulesen ist, und die ganze Zeit habe ich Angst, zu spät dran zu sein, denn an jedem Ort kann man nur einmal graben, und ich bin übereilt vorgegangen, ich habe zu schnell den Staub entfernt, ohne seine Bedeutung zu beurteilen, ohne zu sieben, ohne zu beschreiben, kein zukünftiger Archäologe wird in der Lage sein, meine Erklärungen zu verifizieren oder zu widerlegen, denn die Überreste sind für ewig verloren. Ist es überhaupt möglich, am Rand des verlassenen Hügels unserer Liebe einen Schnitt zu machen? Ich erinnere mich daran, wie Amnon uns am Ende eines Tages zusammenzurufen pflegte, wie er sich vor den langen schmalen Tisch stellte, mit gebräuntem Oberkörper und nachlässig abgeschnittenen Jeans, und wir stiegen aus den Arealen, die klein wie Kinderzimmer waren, der Staub hatte uns alle einander ähnlich gemacht, wir legten unser Grabungswerkzeug zur Seite und setzten uns um ihn herum, und er analysierte dann die Fundstücke, legte die wichtigen in die Schublade und warf die anderen in den Eimer, und immer sagte er am Schluss, während er auf den Erdwall der Grabungsstätte deutete, dort sieht man die Anhäufung der Schichten, schaut nur, wie schmal die Schicht ist, die eine ganze Kultur darstellt, schaut, wie wenig wir zurücklassen, und an den dämmrigen Nachmittagsstunden dieses Winters, während Gili mit einem seiner Freunde in seinem Zimmer spielt, sitze ich vor dem Computer, Papiere und Landkarten auf den Knien, Fotos, Aufsätze, wie wenig hast du zurückgelassen, Amnon, schreibe ich, wie wenig hat unsere zehn Jahre alte Familie zurückgelassen, und manchmal stelle ich mich ans Fenster, sehe die kräftigen Ranken des schnell wachsenden Efeus, die sich verflechten, und das Staunen über die Vergangenheit breitet sich im Haus aus, traurig und anhaltend wie die vokalen Verzierungen des Kantors, der schon für die Feiertage übt, von diesem Jom Kippur zum nächsten.
Von Zeit zu Zeit werde ich durch das Telefon gestört, durch ein Klopfen an der Tür, alle möglichen Bekannten nehmen sich die Freiheit, mich zu besuchen, endlich kann man hierher kommen, sagen sie, als Amnon hier war, hatten wir immer das Gefühl zu stören, und ich deute entschuldigend auf den blinkenden Computer, als Zeichen, dass ich keine Zeit habe, manchmal machen die Besucher Vorschläge, Ella, ich habe da jemanden für dich, du hast Amnon doch nicht verlassen, um allein zu sein, schade um dich, du vergräbst dich zu Hause vor dem Computer, geh doch ein bisschen aus,
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