Little Brother
Sprecher und dann mich selbst anzublinken. Nach und nach wurde die Menge still.
Ich begrüßte sie und dankte ihnen allen fürs Kommen, dann bat ich sie darum, näher ranzukommen, um ihnen erklären zu können, warum wir hier waren. Ich merkte, dass sie von der Geheimnistuerei schon angesteckt waren, fasziniert und ein bisschen angewärmt vom Bier.
"Also, es geht darum: Ihr benutzt alle das Xnet. Es ist kein Zufall, dass das Xnet so kurz, nachdem das DHS die Stadt übernommen hat, entstanden ist. Die Leute, die das angeleiert haben, sind eine Organisation, die sich persönliche Freiheit auf die Fahne geschrieben hat und die für uns ein Netzwerk geschaffen haben, in dem wir sicher vor DHS-Schnüfflern und Vollstreckern sind." Jolu und ich hatten uns das vorher so zurechtgelegt. Wir wollten uns nicht als die Leute hinter dem Ganzen offenbaren, nicht gegenüber jedem. Das war viel zu riskant. Stattdessen hatten wir ausgetüftelt, dass wir bloß Leutnants in "M1k3y"s Armee seien und damit beauftragt, den örtlichen Widerstand zu organisieren.
"Das Xnet ist nicht rein", sagte ich. "Es kann von der Gegenseite genauso einfach benutzt werden wie von uns. Wir wissen, dass es DHS-Spione gibt, die es gerade in diesem Moment benutzen. Sie verwenden Techniken sozialer Manipulation, um uns dazu zu bringen, unsere Identität offenzulegen, damit sie uns hochgehen lassen können. Wenn das Xnet erfolgreich bleiben soll, dann müssen wir Mittel und Wege finden, wie wir sie davon abhalten können, uns auszuschnüffeln. Wir brauchen ein Netzwerk innerhalb des Netzwerks."
Ich machte ne Pause und ließ das sacken. Jolu hatte gemeint, es sei vielleicht harter Stoff, zu erfahren, dass man gerade in eine revolutionäre Zelle eingeführt wird.
"Ich bin heute nicht hier, um euch darum zu bitten, selbst aktiv zu werden. Ihr sollt nicht losgehen und Systeme jammen oder so was. Ihr seid hierher gebeten worden, weil wir wissen, dass ihr cool seid; dass ihr vertrauenswürdig seid. Und diese Vertrauenswürdigkeit ist es, von der ich möchte, dass ihr sie heute Nacht hier einbringt. Ein paar von euch sind wahrscheinlich schon vertraut mit dem Konzept vom Web of Trust und mit Keysigning-Partys, aber für den Rest von euch will ich das noch mal kurz erklären..." Was ich dann auch tat.
"Was ich heute Nacht von euch möchte, ist, dass ihr euch die Leute hier anschaut und euch überlegt, wie weit ihr ihnen trauen könnt. Dann helfen wir euch, Schlüsselpaare zu erzeugen und mit allen anderen hier zu tauschen."
Dieser Teil war knifflig. Wir hätten nicht von den Leuten erwarten können, dass sie alle ihre Laptops mitbrachten, aber wir mussten trotzdem ein paar verdammt komplizierte Sachen machen, die mit Stift und Papier nicht wirklich funktionieren würden.
Ich hielt einen Laptop hoch, den Jolu und ich in der Nacht zuvor von Null aufgebaut hatten. "Ich vertraue dieser Maschine. Jedes Einzelteil haben wir von Hand eingebaut. Hier drauf läuft ein jungfräuliches ParanoidLinux, frisch von der DVD gebootet. Wenn es irgendwo auf der Welt einen vertrauenswürdigen Computer gibt, dann ist es dieser hier.
Ich habe hier einen Schlüsselgenerator geladen. Ihr kommt hier hoch und gebt dem ein bisschen Zufalls-Input
- Tasten drücken, Mauszeiger bewegen -, und auf dieser Basis erzeugt der Generator einen öffentlichen und einen privaten Schlüssel für euch, den er auf dem Monitor anzeigt. Ihr macht mit eurem Handy ein Foto von eurem privaten Schlüssel, und wenn ihr dann irgendeine Taste drückt, verschwindet der Schlüssel für immer - er wird definitiv nicht im Rechner gespeichert. Als nächstes zeigt er euren öffentlichen Schlüssel an. Dann ruft ihr all die Leute hoch, denen ihr vertraut und die euch vertrauen, und die machen dann ein Bild von dem Monitor mit euch daneben, damit sie wissen, wessen Schlüssel das ist.
Wenn ihr nach Hause kommt, müsst ihr die Fotos in Schlüssel umwandeln. Das ist eine Menge Arbeit, fürchte ich, aber ihr müsst das auch bloß ein Mal machen. Ihr müsst super-vorsichtig dabei sein, wenn ihr sie eintippt
- ein Vertipper, und die Sache ist im Arsch. Zum Glück lässt sich prüfen, ob ihrs richtig gemacht habt: Unter dem Schlüssel wird noch eine sehr viel kürzere Nummer stehen, euer ,Fingerprint'. Sobald ihr den Schlüssel eingetippt habt, könnt ihr einen Fingerprint davon erzeugen und mit dem ersten Fingerprint vergleichen, und wenn sie passen, habt ihrs richtig gemacht."
Alle starrten mich ziemlich erschreckt
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