Malloreon 1 - Herrn des Westens
dann mit den Buchstaben, mit denen er die Absätze des Mrin-Kodex gekennzeichnet hatte. Er stellte fest, daß jeder dieser Absätze gewöhnlich drei oder vier erhärtende oder erklärende Zeilen in anderen Werken hatte – alle, außer jener wichtigen Stelle mit dem Klecks.
»Wie bist du heute bei deiner Suche vorangekommen, Liebling?« erkundigte sich Ce'Nedra gutgelaunt, als er eines Abends mürrisch in die königlichen Gemächer zurückkehrte. Sie stillte gerade Geran, und die Zärtlichkeit, mit der sie das Baby an die Brust hielt, leuchtete aus ihrem Gesicht.
»Ich habe gute Lust, es aufzugeben«, antwortete er und ließ sich in einen Sessel fallen. »Ich glaube, das beste ist, wenn ich die Bibliothek zusperre und den Schlüssel wegwerfe.«
Sie blickte ihn liebevoll an und lächelte. »Du weißt doch genau, daß das nichts nützen würde, Garion. Nach ein oder zwei Tagen würdest du es nicht mehr aushalten, und es gibt keine Tür, so fest sie auch ist, die du nicht einbrechen könntest.«
»Dann sollte ich diese Bücher und Schriftrollen vielleicht lieber verbrennen«, brummte er. »Ich kann mich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Ich weiß, daß unter dem Klecks etwas verborgen ist, kann jedoch nicht den geringsten Hinweis darauf finden, was es sein könnte.«
»Wenn du die Bibliothek verbrennst, wird Belgarath dich wahrscheinlich in einen Rettich verwandeln«, warnte sie lächelnd. »Du weißt, was Bücher ihm bedeuten!«
»Es wäre vielleicht ganz schön, eine Weile ein Rettich zu sein« knurrte er.
»Es ist doch im Grund genommen ganz einfach, Garion«, sagte sie mit ihrer aufreizenden Gelassenheit. »Da offenbar alle Kopien einen Klecks aufweisen, solltest du im Original nachsehen.«
Garion starrte sie an.
»Es muß doch irgendwo sein, oder nicht?«
»Ja – das ist anzunehmen.«
»Dann finde heraus, wo, und sieh nach – oder laß es zu dir bringen.«
»Daran habe ich nie gedacht.«
»Offenbar. Es macht ja auch viel mehr Spaß, den Kopf hängenzulassen oder zu toben.«
»Weißt du, das ist wirklich eine gute Idee, Ce'Nedra.«
»Natürlich, ihr Männer neigt ja dazu, die Dinge immer zu komplizieren. Wenn du das nächste Mal ein Problem hast, Schatz, dann komm damit gleich zu mir. Ich sage dir, wie es gelöst werden kann.«
Das überging er.
Als erstes am nächsten Morgen ging Garion in die Stadt hinunter und besuchte den Rivanischen Dekan des Belartempels. Der Rivanische Dekan war ein gütiger Mann mit ernstem Gesicht. Im Gegensatz zu den Belarpriestern in den Haupttempeln auf dem Festland, die sich gewöhnlich mehr mit Politik befaßten als mit ihren Schäfchen, beschäftigte sich das Oberhaupt der Rivanischen Kirche fast ausschließlich mit dem Wohlergehen – sowohl dem körperlichen wie seelischen – des einfachen Volkes. Garion war schon von Anfang an von ihm sehr angetan gewesen.
»Ich habe das Original des Mrin-Kodex nie selbst gesehen, Eure Majestät«, entgegnete der Dekan auf Garions Frage, »aber soviel ich gehört habe, wird es in dem Tempel am Ufer des Mrin aufbewahrt – er liegt zwischen dem Rand des Sumpflandes und Boktor.
Die alten Drasnier errichteten ihn an der Stelle, wo man den MrinPropheten in Ketten gelegt hatte. Nach dem Tod des Bedauerlichen befahl König Stiernacken, daß dort eine Gedenkstätte errichtet würde. Sie erbauten den Tempel direkt über seinem Grab. Das Original wird in einem Kristallkästchen aufbewahrt. Priester bewachen es. Den üblichen Sterblichen würde es sicher nicht erlaubt werden es zu berühren. Aber da Ihr der König von Riva seid, werden sie bestimmt eine Ausnahme machen.«
»Dann war die Schrift immer dort?«
»Außer zur Zeit des angarakanischen Einfalls im vierten Jahrtausend. Kurz ehe Boktor gebrandschatzt wurde, brachte man sie per Schiff zur Aufbewahrung nach Val Alorn. Torak wollte sich ihrer unbedingt bemächtigen, darum hielt man es für klüger, sie außer Land zu schaffen.«
»Das klingt vernünftig«, sagte Garion. »Habt Dank für Eure Auskunft, Euer Ehrwürden.«
»Ich freue mich, wenn ich Euch behilflich sein kann, Eure Majestät.«
Es war schwierig wegzureisen. In dieser Woche kam es nicht in Frage, da für übermorgen eine Besprechung mit den Hafenbeamten angesetzt war. Nächste Woche war es noch ungünstiger. Immer gab es so viele Sitzungen und Zusammenkünfte, denen er Vorsitzen mußte. Garion seufzte, als er, mit dem unvermeidlichen Leibgardisten an der Seite, die vielen Stufen zur Zitadelle hochstieg. Er
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