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Marienplatz de Compostela (German Edition)

Marienplatz de Compostela (German Edition)

Titel: Marienplatz de Compostela (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: J.M. Soedher
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drang. Das Aroma erinnerte ihn an seinen Schulweg in Giesing und er musste grinsen, als ihm einfiel, wie sie damals auf dem Nachhauseweg versucht hatten, einander in die Brennnesseln zu stoßen. Immer auf dem Nachhauseweg. Eine Lehrerin hatte es einmal beobachtet und am nächsten Tag streng gesagt: Schubsen – das lernt man schon im Kindergarten – macht man nicht! Was wohl aus ihr geworden war? Er, der Schubser, war Bulle geworden.
    Eine Frau mit Kinderwagen und zwei Hunden an der Leine kam entgegen.
    Einige Minuten später tauchten die Bürobauten des Stefan-George-Rings auf. Von der S-Bahn aus hatte er sie schon gesehen. Dunkle Glasfronten. Der Weg brachte ihn auf eine freie Wiesenfläche, wo mehrere Hunde spielten und Frauchen und Herrchen plauschend im Schatten einer Erle standen. Hinter ihnen die grünen Flächen des Zamilaparks, aus dessen Übersichtlichkeit das ausgelassene Geschrei einer Kindergruppe drang.
    Am frühen Morgen ging es hier sicher wuseliger zu. Er erinnerte sich noch an den Zwergenaufstand, den es gab, als Schörghuber das städtische Gelände erhielt und in der Presse vom Baulandgeschenk die Rede war – und heute? Was war heute?
    Er kam am Hintereingang eines Chinarestaurants vorbei, wo neben der Metalltür ein Haufen leerer Kartons herumlag. Auf einem las er BelgiumMeatCompany . Ein Münchner Chinese bezog also sein Fleisch aus Belgien, dem europäischen Bermudadreieck für Lebensmittelimporte schlechthin.
    Die Hintereingänge mancher Restaurants waren manchmal mitteilsamer als ein Blick in Speisekarte, Küche oder Topf.
    Er trat bald darauf vom Schotterweg auf festen Straßengrund. Jenseits der Schienen drängte ein Schrottplatz bis nahe an das Gleisbett. Die nächste S-Bahn rauschte vorbei.
    War das der Weg, den Anne Blohm jeden Tag erlebt hatte? Ein wildromantischer Pfad entlang der Bahnlinie, gesäumt von Brennnesselinseln, Wiesenflecken, Gärten und Bahngleisen, der sein Ende an einer sterilen Glasfront fand. Das passte nicht zu dem Bild, das er sich von der Frau gemacht hatte. Konnte sie hier, in dieser Umgebung glücklich gewesen sein?
    Batthuber wartete bereits und empfing ihn mit der Frage, ob ihm diese umständliche Variante hierherzukommen nun wirklich was gebracht hätte. Hartmann knurrte etwas Unverständliches und ging ohne darauf zu antworten in die blinkende und blitzende Empfangshalle, in der niemand empfing. Er klingelte zweimal bei der IBS gGmbH, wobei er länger auf dem Knopf blieb, als es höflich gewesen wäre.
    »Wir erwischen aber auch immer die Pfaffen, Mensch«, ätzte Batthuber, der seine Kippe ausgetreten hatte und eilig nachgekommen war.
    »Mhm, na ja … irgendwie schon«, brummte Hartmann.
    Aus dem Lautsprecher der Türsprechanlage knarrte ein grelles: »Hallo!?«
    Hartmann antwortete mit einem kaum verständlichen Genuschel. »Kriminalpolizei … wir hatten angerufen.«
    »Wie bitte?«, kreischte es aus dem Lautsprecher.
    »Kripo!«, bellte Hartmann unfreundlich und grinste Batthuber an.
    Ein Surren gab die Tür frei und sie fuhren mit dem Aufzug in den fünften Stock. »Brav bleiben, Kleiner«, mahnte er anschließend..
    Die Büros der IBS gGmbH, gemeinnützigen GmbH für integrative Betreuung und Sozialisierung lagen in einem der üblichen Bürobauten, wie sie in der ganzen Stadt zu finden waren, bevorzugt entlang der Schienenstränge. Die Architektur war zweckmäßig, die Bauwerke hatten allesamt blanke Mauern, glänzende Glasfronten und verströmten in ihrem Inneren den gleichen sterilen Geruch, was an den gleichen blanken Granitböden, belastbaren Teppichen, abgedämpften Wandfarben, den Kunstwerken identischer Qualität und den Kaffeemaschinen lag, die einen würzigen Dampf absonderten. Dazu kamen die Aromen gepflegter Kleidung, teurer Parfüms, anregender Deos und Ströme von Rasiergewässern.
    Hartmann hatte die Beheimatung dieser wohltätigen Einrichtung an anderer Stelle erwartet als auf der Etage eines gesichtslosen Verwaltungsbaus, zwischen Finanzdienstleistern, Immobilienverwaltern und IT -Trainingszentren. Er war auf Baracken gefasst gewesen, vor denen fertige Jungs und nuttige Mädels herumlungerten, dazwischen engagierte Jeans- und Sweatshirtträger mit Ohrring und Piercing, die der Gesellschaft einen sozialen Dienst erwiesen. Nichts dergleichen. Er landete stattdessen ganze Welten entfernt von der Frontlinie zu erhöhtem Förderungsbedarf und sozialen Reanimierungsversuchen.
    Da hatte selbst ihre alte asbestentsorgte Sechzigerjahrebude

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