Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis
Fernsehen gesehen hat, hat sie sich bestimmt schiefgelacht.‹
Nach dem Umzug in ihre eigene Zweizimmerwohnung tastete Marina Chodorkowskaja, wenn sie nachts wach wurde, nach der Wand: Sie hatte Angst, alles könnte nur ein Traum gewesen sein. Zu einem zweiten Kind konnten sie sich nicht entschließen – sie war schon 36 Jahre alt, das Geld war knapp, und der Kredit für die Wohnung war noch nicht abbezahlt. Sie und ihr Mann haben ihr ganzes Leben bei Kalibr gearbeitet, einer Fabrik, die Messinstrumente und Messtechnik herstellte – Boris als Chefkonstrukteur, Marina als Verfahrensingenieurin. Dieselbe Wohnung ist übrigens auch heute noch ihr Zuhause, sie leben und arbeiten aber in dem von Michail gegründeten Lyzeum in Korallowo außerhalb von Moskau.
Es ist interessant, die beiden zu beobachten, denn sie sind verblüffend verschieden. Der Vater ist sentimentaler, offener, verbirgt seine Gefühle nicht, er kann schroff sein oder sehr lyrisch. Er singt gern und trägt Gedichte vor. Er raucht, obwohl die Ärzte es ihm verboten haben. Er trinkt gern mal ein Gläschen. Die Mutter dagegen ist sehr beherrscht – weinend oder klagend kann man sie sich nicht vorstellen. Sie spricht immer leise. Dabei ist sie unbeugsam und zu scharfen Urteilen fähig. Wenn sie jemanden liebt, liebt sie ihn, wenn sie jemanden nicht mag, braucht man gar nicht erst mit ihr zu diskutieren.
Boris Chodorkowski neckt seine Frau, nennt sie »bourgeois« und knufft mich in die Seite: »Frag sie mal, warum sie mit ihrem bourgeoisen Hintergrund sich mit einem Plebejer eingelassen hat.« Sie sagt nichts dazu. Das einzige, was ich ihren bruchstückhaften Erinnerungen entnehmen konnte, ist, dass Marinas Vater eine wichtige Position in irgendeinem Ministerium innehatte, dabei aber parteilos blieb, was äußerst selten war. Chodorkowskis Vater dagegen hatte seinen Vater im Krieg verloren. Als er mit seiner Schwester und seiner Mutter aus der Evakuierung nach Moskau zurückkam, wohnten sie zunächst in einem Keller, es war sehr schwer. Die Mutter war den ganzen Tag bei der Arbeit. Niemand kümmerte sich um ihn – er sang rührselige Lieder in den Vorortzügen und bekam dafür etwas zu essen oder ein paar Kopeken zugesteckt. Manchmal klaute er, sagt er, auch das gab es. Dann kam er zur Vernunft, ging zur Armee, dann zur technischen Fachschule, und dort lernte er Marina kennen.
Aus dieser Mesalliance zwischen der »Bürgerlichen« und dem ehemaligen »Streuner« wurde eine glückliche, langlebige Ehe. Man fühlt sich wohl bei ihnen. Schwermut oder Hoffnungslosigkeit spürt man nie. Als ich nach der Verkündung des zweiten Urteils gegen ihren Sohn – 14 Jahre Freiheitsentzug! – bei ihnen vorbeischaute, um zu sehen, wie sie mit der Situation fertig werden, erhielt ich auf meine sorgfältig formulierten Fragen von Marina Chodorkowskaja die so einfache wie erschöpfende Antwort: »Was regst du dich so auf? Ich komme nicht mal zum Bügeln wegen der vielen Gäste!« Die Mutter des Milliardärs und heutigen Häftlings Michail Chodorkowski hat nach wie vor keine Hausangestellten. Sie fährt selbst auf den Markt, sie kocht und bügelt selbst. Außerdem hat sie gelernt, mit Computern umzugehen, und chattet gern per Skype.
Boris Chodorkowski: » Mischka arbeitet, seit er 14 ist. Noch als junger Bengel kam er an und sagte: Ich will einen Plattenspieler. Ich sagte: Dann geh und verdiene Geld. Ich hätte ihm natürlich einen Plattenspieler kaufen können. Ich fand aber, er sollte das selbst tun … man muss alles aus eigener Kraft erwerben, sage ich. Unter anderem hat er als Hausmeister gearbeitet. Manchmal war das ziemlich interessant: Da kommen zum Beispiel irgendwelche Mädels aus der Schule vorbei, und er fegt gerade. Tja, vielleicht hat er sich geniert, aber weitergefegt hat er trotzdem. Eine Zeit lang hat er Brot entladen, und später, an der Hochschule, ist er zu den Baubrigaden gefahren. Er hat sich die ganze Zeit etwas dazuverdient. Und für Chemie hat er sich immer interessiert. Seit seiner frühen Kindheit.«
Marina Chodorkowskaja erinnert sich, wie er in der Grundschule einmal zu seiner Lehrerin ging und sie fragte, ob all die Gläser und Pülverchen immer noch da sein würden, wenn er später einmal groß wäre und Chemie in der Schule hätte. Er fragte seinen Vater, ob er im Keller ein Labor einrichten durfte. Der Vater war einverstanden – unter einer Bedingung: Zuerst sollte er die theoretischen Grundlagen eines Experiments erarbeiten und dann
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