Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis
erst das Experiment aufbauen. Aber der Junge kam ziemlich schnell dahinter, dass sein Vater nur so tat, als verstünde er etwas von Chemie, und fing an, mit der Theorie herumzutricksen – zur allgemeinen Belustigung.
Boris Chodorkowski: »Aber Experimente hat er wirklich aufgebaut. Na, ich werde nicht erzählen, was sie dem Lehrer auf den Stuhl gelegt haben … Es kam natürlich vor, dass ich sauer war. Ich habe ihn aber nie geschlagen. Ich fand und finde bis heute, dass das keine Methode ist. Man muss argumentieren, damit der Mensch begreift. Prügeln hat keinen Sinn …«
Bemerkenswert ist, dass die Eltern, glaubt man ihren Erzählungen, keine Illusionen über die Sowjetmacht hegten. Sie liebten sie nicht, sondern nahmen sie als Tatsache hin. Was konnte man auch tun? Weder sie noch er war Mitglied der Kommunistischen Partei. Sie bemühten sich, ehrlich ihre Arbeit zu machen, und erhielten ihr ehrlich verdientes Geld, das nicht üppig war. Sie lebten vor sich hin, nehme ich an, ohne viel darüber nachzudenken, dass sich eines Tages alles ändern könnte. Der Junge war da ganz anders.
Marina Chodorkowskaja: »Wir waren bemüht, uns nicht einzumischen, nicht für ihn zu entscheiden, ihm keine Richtung vorzugeben – er sollte selbst über sich bestimmen. Das war ein Grundsatz. Wir lebten ja in einem Land und in einer Situation, wo das Schicksal, das man sich einmal ausgesucht hatte, auch so blieb. Anfangs war da der heilige Glaube an den Kommunismus. Über Mischas Schreibtisch zu Hause hing ein Lenin-Bild und die rote Fahne. Mit dem Bild hatte es allerdings seine eigene Bewandtnis: Das hatte der Cousin meines Vaters angefertigt, der an der Front gefallen war. Später, als Mischa schon studierte, wurde ihm allmählich alles klar, glaube ich. Er war sechzehn, als der Krieg in Afghanistan begann, und ein bis zwei Jahre später hat er mir gesagt, er wolle selbst dort kämpfen. Wir waren natürlich entsetzt. Aber nach einiger Zeit sagte er mir dann auf einmal, jetzt hätte er alles kapiert, was das anging. Ab dann etwa hat er wohl angefangen, sich selbstständig einen Reim auf die Dinge zu machen.
Vielleicht lagen wir ja falsch damit, aber wir fanden, wer mit den Wölfen lebt, muss wie die Wölfe heulen. Er sollte selbst entscheiden, ob er ein Dissident werden wollte oder jemand, der mit dem Strom schwimmt. Ich konnte sagen, was ich über bestimmte Dinge dachte, aber ihm das Denken abnehmen – nein! Für ihn war die Karriere beim Komsomol eine Möglichkeit, bestimmte Pläne zu realisieren, vielleicht verbanden sich damit auch irgendwelche Hoffnungen auf Veränderung.«
1979, als Michail 16 Jahre alt wurde und die Zeit für einen eigenen Pass gekommen war, konnte er wählen, was er unter dem Punkt »Nationalität« eintragen lassen wollte, den es in sowjetischen Pässen gab. Wählen konnte er zwischen »Russe« oder »Jude«. Marina Chodorkowskaja erzählt, der Vater und sie hätten ihm gesagt: Lass das eintragen, was du selber willst. Er erwiderte der Mutter: »Weißt du, ich fühle mich nicht als Jude.«
Marina Chodorkowskaja hält es für wahrscheinlich, dass sich die Tatsache, dass sein Vater Jude war, irgendwie auf das Leben des Sohnes ausgewirkt hat, aber der sei immer zurückhaltend gewesen, auch bei diesem Thema. Alles, was sie von ihm zu diesem Punkt gehört habe, sei ein knapper Bericht über seine Diplomarbeit gewesen, für die er einen Computer gebraucht habe. Er habe mit großen Zahlen operieren müssen, ohne Rechner war das kaum möglich. Aber um einen Zugang dazu bemühte er sich lange vergeblich. Damals sagte einer der Dozenten zu ihm: »Sie werden nie da rankommen, Mischa …« Das ist der einzige Vorfall, an den sie sich erinnert.
Ich weiß nicht, ob Chodorkowski getauft ist; es ist nicht üblich, danach zu fragen. Ich weiß nur, dass seine Eltern ihn in seiner Kindheit nicht taufen ließen.
Für mich war es undenkbar, dass der Antisemitismus in der UdSSR in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts Chodorkowski nicht betroffen haben soll. Er ging in den siebziger Jahren zur Schule. In dieser Zeit reisten immer mehr Juden aus der Sowjetunion aus. Zunächst waren es knapp über tausend im Jahr, auf dem Höhepunkt aber, 1979, verließen über 50000 Personen das Land. Chodorkowski schloss in dieser Zeit die Schule ab. Damals genügte der bloße Verdacht, dass ein Jude ausreisen wollte, um ihn zu entlassen, und das betraf auch die Lehrer an den Schulen. Mit der Ausreisewelle der
Weitere Kostenlose Bücher