Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis
Spielchen aufgelegt war, kam der Milizionär scheinbar zufällig vorbei oder ließ, wenn er zu tun hatte, einfach seinen Mantel an der Garderobe hängen, um seine Anwesenheit vorzutäuschen. Beim Anblick des Mantels hörte der Nachbar mit seinem Schabernack auf.
Allerdings war das nicht das größte Problem. Viel gefährlicher war die Geschlechtskrankheit der Tochter. Wenn man bedenkt, dass es für alle nur eine Küche, eine Badewanne und eine Toilette gab, kann man die Ängste der jungen Mutter gut verstehen.
Marina Chodorkowskaja: »Ich hatte große Angst um mein Kind. Riskant war schon, wenn der Erreger mit der Haut in Kontakt kam. Wenn ich in der Küche gerade etwas kochte und die Nachbarin nieste, warfen wir das Essen sofort weg. Bad und Toilette durfte er nicht benutzen. Wir arrangierten uns irgendwie mit der Situation – wir selber gingen zum Baden übrigens auch lieber zu Freunden.«
Boris Chodorkowski erinnert sich, dass Mischa, sobald er die Wohnung betrat, sofort das Kommando »Hände!« hörte. »Das mit den Händen auf dem Rücken war also nichts Neues für ihn«, scherzt Chodorkowski senior traurig – in dieser Haltung werden in Russland die Häftlinge eskortiert.
Chodorkowskis Vater hatte zwei Arbeitsstellen. Seine Mutter nähte, solange sie nach der Geburt des Sohnes zu Hause blieb. »Ich habe für Mischka sogar einmal einen Mantel genäht.« Sie erinnert sich, wie der kleine Mischa ihr zu Hilfe kommen wollte, als der betrunkene Nachbarssohn in ihr Zimmer einzudringen versuchte. »Mischa schnappte sich ein Schild und ein Schwert aus Plastik, und ich mir eine Schere und das Bügeleisen«, lacht sie.
Seit der ersten Klasse schon war Michail völlig selbstständig. Den Schlüssel trug er an einer Schnur um den Hals, an der Tür hing ein Zettel: »Gas und Licht ausgemacht?« Wenn er aus der Schule kam, stand das Essen in Thermosgefäßen bereit. Wenn er eines davon nicht aufbekam, ging er zu Freunden und bat um Hilfe.
Marina Chodorkowskaja: »Mischa war ein gesundes Kind, ein anspruchsloser Esser und tüchtiger Helfer: Er konnte sowohl Wäsche waschen als auch den Fußboden wischen. Irgendwer von seinen Zellengenossen hat später in einem Buch geschrieben, Chodorkowski hätte angeblich irgendetwas nicht wegräumen oder den Fußboden nicht wischen wollen … Ich weiß, dass das einfach nicht sein kann. Er kann das alles seit seiner Kindheit. Eher glaube ich noch, dass er die Leute zum Aufräumen organisiert hat.«
Aber seit seiner Kindheit sind nun doch schon etliche Jahre vergangen, und seine Lebensumstände haben sich verändert.
Marina Chodorkowskaja: »Er ist reich geworden, na und? Anspruchslos ist er immer noch. Ich weiß noch, einmal, als sie an der Rubljowka 46 wohnten, kam ein Hausmädchen zu mir und fragte, welches Toilettenpapier sie kaufen solle. Ich dachte, ist Michail Borissytsch jetzt auf einmal verrückt geworden? Also frage ich ihn: ›Welches Toilettenpapier darf man dir kaufen?‹ Er wundert sich: ›Na, einfach das, was es im nächsten Laden gibt …‹ Er hat sich von sowas nie anstecken lassen. Morgens isst er einen Brei, abends einen Joghurt. Ohne Probleme. Hartgebackene Kringel mag er heute genauso gern wie früher. Und Zimtschnecken. Die hab ich ihm abends oft ins Arbeitszimmer gestellt. Er war sauer: ›Hör auf, mir Zimtschnecken zu machen, ich werde noch dick, wenn ich mich jeden Abend damit vollschlage.‹ Eine andere lustige Geschichte war, als sie damals Mäuse auf der Datscha hatten. Mischa beschloss, dass eine Katze hermusste. Aber Inna, seine Frau, ist gegen Katzen allergisch. Ich hatte gehört, dass es antiallergische Katzen gibt. Ich fuhr also auf eine Ausstellung und ließ mir ein Paar zeigen, das bald Junge haben sollte. Eine Russisch-Blau-Katze, ein ausgezeichneter Mäusejäger. Als die Kätzchen geboren waren, fuhren Mischa und ich zum Abholen hin. Er in Jacke, Jeans und Strickmütze, wie üblich. Wir suchten ein Kätzchen aus und bezahlten. Dann fragt er diese Frau, die Züchterin. ›Sagen Sie mir doch noch, wie man sie füttert.‹ Er hockt sich also neben die Frau und fängt an mitzuschreiben. Sie erklärt ihm alles, dann sagt sie: ›Weißt du, Junge, eigentlich solltest du eine Hütte für die Katze kaufen. Aber die sind teuer, 40 Dollar, das wirst du dir nicht leisten können.‹ Da sage ich schnell: ›Macht nichts, ich helfe ihm, wir kaufen das.‹ Am nächsten Tag hatte Mischa einen Auftritt im Fernsehen. Inna meinte: ›Wenn die Tante ihn im
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