Menschen und Maechte
Beginn der sowjetischen Besetzung Afghanistans begann Carter, an Giscards Verläßlichkeit im Falle einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der Sowjetunion zu zweifeln – völlig zu Unrecht, wie ich wußte und wie ich dem amerikanischen Präsidenten am 11. Januar 1980 in einem langen Telefongespräch erläuterte. Bei dieser Gelegenheit unterstrich ich die Notwendigkeit, in solchen Krisenzeiten die Kommunikation mit der Sowjetunion nicht abreißen zu lassen. Carter erwiderte, man müsse der Sowjetunion zeigen, daß ihr für ihr Verhalten eine Strafe auferlegt würde; deshalb sei es wichtig, daß sich alle unmißverständlich äußerten. Das Wort »alle« umfaßte für ihn ausdrücklich alle Verbündeten von Begin bis zu Giscard und mir.
Am 28. Januar 1980 hatte Carter seine »State of the Union Address« (Bericht zur Lage der Nation) zu halten. Angesichts der »ernstesten Bedrohung des Weltfriedens seit dem Zweiten Weltkrieg« beschwor er die Entschlossenheit der USA, die stärkste Nation zu bleiben; die Sowjetunion müsse einen »konkreten« Preis für ihre Aggression bezahlen. Nach diesen starken Worten kam die Ankündigung sehr begrenzter amerikanischer Schritte: das Verbot der sowjetischen Fischerei in amerikanischen Küstengewässern, ein begrenztes Ausfuhrverbot für bestimmte Agrarprodukte und Hochtechnologie-Ausrüstungen, schließlich die Ankündigung, im Falle einer Aufrechterhaltung der Besetzung Afghanistans den Olympischen Spielen in Moskau fernzubleiben. In diesem Punkt, so bat er mich am gleichen Tage in einem seiner vielen kurzen, persönlichen Briefe, möge ich ihm beipflichten: »… der bedeutsamste und wirksamste Schritt, um die sowjetischen Führer vom Ernst der Lage … zu überzeugen«.
Carter hatte die von ihm erstrebte gemeinsame Reaktion des Westens nicht mit den verbündeten Regierungen abgestimmt. Zwar hatten wir gegen die einzelnen Schritte nicht allzuviel einzuwenden, aber wir sahen deutlich, daß eine in sich schlüssige Krisenbewältigungsstrategie nicht vorhanden war. Deshalb erbat Ministerpräsident Cossiga (der dafür den Kreis der sieben Weltwirtschaftsgipfel-Teilnehmer vorschlug) mit Bonner Unterstützung eine umfassende Konsultation; Carter war dazu bereit, »auch wenn die Franzosen nicht zustimmen sollten« (!). In einem Telefongespräch wurde Carters Soupçon gegen Giscard erneut deutlich. Natürlich verteidigte ich den französischen Präsidenten. Im übrigen drängte ich noch einmal auf gemeinsame Abstimmung: Es komme darauf an, nicht nur den nächsten und übernächsten Schritt zu überlegen, sondern man müsse auch wissen, welche Maßnahmen man im fünften oder im zehnten Takt ergreifen könne.
Die Konsultation zu fünft (ohne Japan und Kanada) kam auf Außenministerebene in der letzten Februarwoche auf Schloß Gymnich zustande – zu spät, denn schon am 11. Februar hatte sich Carter allen Teilnehmerstaaten gegenüber in einem persönlichen Brief auf ein Dutzend Details der von ihm betriebenen Bestrafungsaktion
der Sowjetunion festgelegt. Der Brief enthielt jedoch kein Wort darüber, wie man die sowjetische Führung dazu bringen konnte, ihre Aufgabe in Afghanistan für beendet zu erklären und sich zurückzuziehen, ohne daß sie das Gesicht verlor. Der Versuch Washingtons, Breschnew mit einem Dutzend Nadelstichen zum Rückzug zu bringen, war nicht überzeugend; nach dem Studium dieses langen Briefes mußte ich mich fragen, ob denn Carter einen sowjetischen Rückzug aus Afghanistan wirklich erstrebte.
Gewiß war die Lage in vielerlei Beziehung anders als zur Zeit der Kuba-Raketenkrise 1962, aber eine doppelte Lehre daraus bot sich doch auch für die Afghanistankrise an: Die USA mußten bereit sein, zur Krisenbewältigung ihre Macht einzusetzen, und zwar in einer für den Kreml unmißverständlichen Weise; und sie mußten darauf achten, eine öffentliche Bloßstellung der Sowjetunion zu vermeiden, sie mußten Moskau vielmehr die Möglichkeit geben, sich ohne großen Prestigeverlust zu arrangieren.
Am 20. Februar bedrängte ich Cyrus Vance in diesem Sinne. Vance hatte den Vorzug, daß er sich seine Sicht der Dinge nicht allein auf Grund der Berichterstattung in den Medien bildete; außerdem konnte er zuhören. Ich fragte ihn nach den amerikanischen Absichten für den wahrscheinlichen Fall, daß die Sowjets sich nicht aus Afghanistan zurückziehen würden, und wie man auf nicht auszuschließende Zwischenfälle im Iran oder in der Golfregion reagieren wolle, die die
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