Menschen und Maechte
später unter Kennedy den Planungsstab im State Departement leitete; ich traf Herman Kahn, Donald Brennan, William Kaufmann, Hans Bethe, Edward Teller, Robert Osgood und Roger Hilsman. Ich lernte die Rolle Albert Einsteins verstehen, und ich begriff die Oppenheimer-Tragödie. Vor allem ging mir die Funktionsweise des Kongresses auf, die sich so gänzlich von derjenigen des Bundestages, aber auch von der des britischen Unterhauses unterscheidet.
Auf meinen Reisen durch die Vereinigten Staaten erlebte ich die ruhige, gelassene Autorität, die von Präsident Eisenhower ausging. Er hatte den Koreakrieg beendet und die amerikanischen Soldaten nach Hause geholt. Im Juni 1953 hatte er beim Aufstand in der DDR nicht eingegriffen, und er hatte sich auch beim Aufstand in Ungarn zurückgehalten. Er respektierte die zwar nicht vereinbarte, de facto aber bestehende sowjetische Einflußzone in Europa; jedoch ließ er nicht zu, daß Moskau den Amerikanern den Rang ablief. Ich hatte Vertrauen zu ihm und seiner ausgewogenen auswärtigen Politik.
Damals wollte der demokratische Senator Michael Mansfield (den ich ein Vierteljahrhundert später als amerikanischen Botschafter in Tokio wiedertraf) die amerikanischen Truppen aus Europa nach Hause holen. Wilhelm Mellies, bis 1958 stellvertretender Vorsitzender der SPD unter Erich Ollenhauer, und ich gehörten zu den vielen, die in den fünfziger Jahren vergeblich versuchten, Mansfield davon zu überzeugen, daß dies ein strategischer Fehler wäre. Ich hielt Mansfields Konzept, das zur »idée fixe« geworden
war, für gefährlich, weil es zu einem überwältigenden Übergewicht sowjetischer Truppen in Europa führen mußte. Die Notwendigkeit eines strategischen Gleichgewichts begann damals in meinem Denken Platz zu greifen. Wir besuchten auch Senator James W. Fulbright, der in Washington als der führende außenpolitische Kopf galt. Fulbright teilte die Meinung seines Kollegen nicht; er vermißte vielmehr eine globale Friedensstrategie seiner Administration.
Wir lernten damals daß es im amerikanischen Senat nicht so sehr darauf ankommt, daß Republikaner der republikanischen Administration helfen (wie es in Europa für eine regierende Partei selbstverständlich war und ist), sondern daß der Senat als Ganzes und über die Parteien hinweg sich zuallererst als selbstbewußte Kontrolle und als Gegengewicht zum Präsidenten und seiner Administration versteht. Das geschickte Zusammenspiel der beiden floorleader, Lyndon Johnson für die Demokraten und William Knowland für die Republikaner, hätte in Bonn eher als Parteiverrat gegolten – wobei man allerdings zugeben muß, daß parlamentarische Abstimmungsniederlagen für die Regierungen in Europa im allgemeinen weit ernstere politische Folgen mit sich bringen als eine Abstimmungsniederlage für einen amerikanischen Präsidenten.
Auf einer meiner frühen Amerika-Reisen habe ich Walter Lippmann besucht, der damals Dean des politischen Journalismus war und dessen weitverbreitete Kolumnen ich bewunderte. Auch heute empfinde ich Hochachtung vor den Spitzenleuten des amerikanischen Journalismus – Marvin Kalb, Joe Kraft, Flora Lewis oder James Reston sind mir immer hervorragende Seismographen gewesen. Die meisten Zeitungen in den USA sind schrecklich provinziell in ihrer Berichterstattung, die selten über Lokalereignisse hinausreicht; sie können sich mit europäischen Provinzzeitungen kaum messen. Aber einige der im ganzen Land gedruckten Kolumnisten gehören zu den besten der Welt, ebenso einige der Zeitungen, wie zum Beispiel der »Christian Science Monitor«, die erste Seite des »Wall Street Journal«, die »New York Times«, die »Washington Post«; auch die Wochenmagazine wie »Time« und, nicht immer ganz so zuverlässig, »Newsweek«.
Die in Paris herausgegebene, an mehreren Orten Europas gedruckte amerikanische »International Herald Tribune« halte ich für die beste Tageszeitung der Welt, weil sie drei Vorzüge in sich vereint: ausgewogene weltweite Berichterstattung auf knappem Raum, einen vorzüglichen Überblick über die USA und schließlich vielfältige, reiche Kommentare auf hohem Niveau, die aus vielen amerikanischen Quellen schöpfen. Im Zeitalter des Fernsehens und der Überfütterung des Publikums mit Fernsehkanälen und -programmen haben die Zeitungen nur einen vergleichsweise geringen Einfluß auf die Urteilsbildung der amerikanischen Nation, sie beeinflussen aber die politische und die wirtschaftliche Elite.
Als
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