Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
Vom Netzwerk:
Abgeordneter, Minister und als Bundeskanzler habe ich mich immer gern dem Einfluß der Zeitungen ausgesetzt; jeden Tag habe ich bis zu anderthalb Stunden Zeitungsberichte und -kommentare gelesen, und nicht etwa nur die vom Presseamt angefertigten Kurzfassungen. Die mir mitunter nachgesagte Journalistenfeindlichkeit beruht auf einem Mißverständnis. Zwar habe ich es immer verabscheut, sozusagen auf der Treppe, im Fahrstuhl oder am Rande einer Sitzung Fünf-Minuten-Interviews zu geben; auch habe ich Interviews mit inkompetenten Fragestellern oft genug für eine Zumutung gehalten. Ich habe immer gewußt, daß der Begriff »Journalist« ein Sammelbegriff ist, der ebenso wie der Sammelbegriff »Politiker« sehr unterschiedlich qualifizierte Menschen umfaßt; die Skala reicht in beiden Bereichen vom Beinahe-Kriminellen bis zum Staatsmann. Aber für ein Gespräch mit Kurt Becker oder Hans Reiser, mit Catherine Graham, Anatole Grunwald oder James (»Scotty«) Reston habe ich meinen Terminkalender immer gern über den Haufen geworfen.
    Hervorragend sind in den USA die wenigen großen politischen Fernsehinterviewer, die oft exzellent informierte und außerordentlich urteilsfähige Journalisten sind. Sie stellen kluge Fragen und zwingen ihren Partner, seine Meinung zu entfalten, ohne ihn nach vorgefaßtem Urteil in eine bestimmte Ecke oder ins Abseits zu drängen. Natürlich kommt hinzu, daß ein Interview mit Barbara Walters oder Walter Cronkite nicht nur intellektuell Spaß machte, sondern auch ein hervorragendes Instrument war, den
Bürgern der USA deutsche Politik gedanklich und gefühlsmäßig nahezubringen.
    Bei meinen Besuchen in Washington besuchte ich immer auch den Präsidenten der mächtigen Gewerkschaftsorganisation AFLCIO George Meany und später seinen Nachfolger Lane Kirkland. Die Auffassungen der Gewerkschaftsspitze zu kennen erschien mir immer genauso wichtig wie das Gespräch mit den herausragenden Industriellen und Bankern; in den ersten Jahren war es vor allem David Rockefeller, dem ich viel verdanke. Natürlich sprach ich bei meinen Besuchen in den Firmen und großen Fabriken des Landes möglichst viele Leute: Von Detroit bis Seattle, von Cleveland bis Houston, von South-Carolina bis Kalifornien sammelte ich meine Eindrücke. Fast überall gab man großzügig Auskunft. Aber die Leistungen waren ja auch eindrucksvoll! In der Mitte der fünfziger Jahre war die amerikanische Industrie der deutschen noch hoch überlegen.
    Zu Besuch bei Hollywoods Filmindustrie sahen Wilhelm Mellies und ich einen Nachmittag lang Grace Kelly zu, die damals ihren letzten Film drehte. Viele Jahre später habe ich sie, in Begleitung von Raymond Barre und seiner Frau, als Fürstin von Monaco wiedergesehen; gemeinsam tanzten wir einen altmodischen Walzer. Ihr Unfalltod kurz darauf ist mir nahegegangen.
    Von Hollywood ging es zu den Flugzeugwerken Boeing in Seattle, wo uns die erste zivile 707 gezeigt wurde, die gerade aus einem militärischen Langstrecken-Tankflugzeug entwickelt worden war. Bald sollte sie ihren Siegeszug durch die ganze Welt antreten; als Bundeskanzler flog ich bei meinen Auslandsreisen stets mit einer Boeing 707.
    Dreißig Jahre später war ich wieder zu Besuch bei Boeing; es war eine Genugtuung für mich, daß man in den höchsten Tönen von der Lufthansa redete, die inzwischen eine in der ganzen Welt angesehene Luftfahrtgesellschaft geworden war. Im Auftrag der Hamburger Landesregierung hatte ich in den frühen fünfziger Jahren geholfen, sie aus der Taufe zu heben; heute ist mein alter Freund Heinz Ruhnau ihr Vorstandsvorsitzender.

    Der Stern Kennedys
    Den Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 1960 habe ich streckenweise aus der Nähe miterlebt. Die deutschen Sozialdemokraten haben von Kennedys Wahlkampftechnik profitiert und sie in Teilen auf Willy Brandts Bundestagswahlkämpfe 1961, 1965 und abermals 1969 zu übertragen gesucht – oft mit Erfolg. Die eigentliche Faszination durch Kennedy begann jedoch erst nach seinem knappen Sieg über Nixon, sie begann mit Kennedys Inaugurationsrede. Deren Inhalt, Sprache und Stil haben auch die Deutschen mitgerissen.
    Kennedys Bild und der Glanz, der von ihm ausging, die Leistung, aber auch der Fehlschlag seiner kurzen Ära mögen in der amerikanischen Geschichtsschreibung – und in der internationalen historischen Diskussion – noch manche Ergänzungen, Abstriche, vielleicht auch Umwertungen erfahren. Auch für mich sind das Schweinebucht-Desaster, das

Weitere Kostenlose Bücher