Mich hat keiner gefragt - Mich hat keiner gefragt
nicht aufstehen, denn ich hatte Angst.
Vorsichtig ging ich dann doch auf die Toilette. Ich schlich leise über den Flur, damit mich keiner hörte. Aber da hatte ich mich getäuscht. Als ich die Klotür aufsperrte, stand Mutter schon im Flur. Auf mein »Günaydın« antwortete sie: »Dir auch einen guten Morgen.« Aber dann kam sie gleich zur Sache und sagte: »Und, wo ist das Leintuch?«
Ich versuchte tapfer zu sein und antwortete: »Es gibt kein Leintuch. Da ist nichts.«
Sie schaute mich völlig entgeistert an und fing sofort an zu schreien. »Was, kein Blut auf dem Leintuch? Was? Du bist eine oruspu , eine Hure? Ich habe meinen Sohn mit einer Hure verheiratet!« Sie schrie so laut, dass man es sicher bis hinaus auf die Straße gehört hat. Ich stand da, barfuß, im Schlafanzug, die Tränen liefen mir über das Gesicht. Ich schluchzte und wollte es ihr erklären, wollte ihr sagen, dass es Mustafa gewesen ist. Dass er mich schon vor zwei Wochen genommen hatte. In jener Nacht, in der alle tief und fest geschlafen hatten. Von der Vergewaltigung wollte ich gar nicht reden, dass hätte sie sowieso nicht geglaubt. Aber Mutter war außer sich. Sie riss die Tür zur Küche auf und berichtete ihrem Mann mit schriller Stimme, was passiertwar, obwohl der es ja längst gehört haben musste. Ich schlich mich zurück in unser Zimmer, setzte mich auf die Matratze und umschlang meine Beine mit meinen Armen. Mustafa lag noch im Bett und schaute mich ziemlich verstört an.
Die Tür wurde aufgerissen. Mutter baute sich vor mir auf, wieder schrie sie: »Das war’s! Ich schicke dich noch heute in die Türkei zurück. Für eine Hure ist in meinem Haus kein Platz.«
Ich war verzweifelt. Es schüttelte mich am ganzen Körper. Wie konnte sie so etwas sagen? Es war doch ihr eigener Sohn, der mich entjungfert, entehrt hatte. Aber immer, wenn ich zum Sprechen ansetzte, fuhr sie mir über den Mund: »Du Hure, du hast gar nichts zu sagen. Ich habe ja gleich gewusst, was du für eine bist!«
Der Schwiegervater saß – völlig apathisch – in der Küche auf dem Sofa und starrte vor sich hin. Sie war inzwischen wieder in der Küche angekommen und tobte weiter. Mustafa war aufgestanden. Er nahm mich in den Arm und versuchte mich zu trösten. Dann sagte er: »Komm jetzt, lass uns erst einmal gehen.« Ich war froh, dass mir jemand sagte, was jetzt zu tun sei, weil ich zu keiner Entscheidung in der Lage war.
Wir zogen uns an und verließen die Wohnung. Ihr Geschrei und Gezeter von wegen kleine, dreckige Hure verfolgte uns tatsächlich bis auf die Straße hinunter. Mustafa und ich machten uns auf den Weg in unsere eigene Wohnung. Die hatte der Schwiegervater für uns gemietet. Es war ein kleines Ein-Zimmer-Apartment ganz in der Nähe. Dort sollten wir nach unserer Hochzeit wohnen. Nein, nicht wirklich wohnen, das Zimmer war nur zum Schlafen gedacht. Essen und alles andere würden wir weiterhin in der Wohnung der Schwiegereltern. Das Apartment war zwar klein, hatte aber einen unbezahlbaren Luxus – ein richtiges Bad mit Dusche und Badewanne. Als wir ankamen, ging ich als Erstes unter die Dusche. Ich ließ das heiße Wasser über meinen Körper fließen. Dabei liefen mir wieder die Tränen über das Gesicht. In meinem Kopf hämmerte es. Ich war zu keinem vernünftigen Gedanken fähig. Was würde werden? Würde sie michwirklich nach Hause schicken? Was würde Vater sagen? Zurückgeschickt, als entehrte Braut. Das war mein Ende, mein Todesurteil.
Ich weiß nicht, wie lange ich unter der Dusche stand, aber irgendwann hat Mustafa mich rausgeholt. Er stellte das Wasser ab und gab mir ein Handtuch. Dann zog er mich ins andere Zimmer und versuchte mich – unbeholfen zwar – aber doch immerhin zu trösten. Ich war immer noch ziemlich verstört, da sagte er, dass er mit seiner Mutter reden würde. Ihr sagen würde, was passiert sei in jener Nacht vor zwei Wochen. Dass er mich entjungfert habe und niemand anderer. Ich sah ihn dankbar an. Das wollte er wirklich für mich tun? Er, der doch auch so große Angst vor seiner Mutter hatte. Fest entschlossen verließ er die Wohnung. Ich legte mich auf das Bett. Gekrümmt und völlig apathisch lag ich da und wartete. Wartete auf den Urteilsspruch der Familie.
Die Ehehölle
Am Tag nach unserer Hochzeit hat sich Mustafa das erste – und letzte – Mal vor mich gestellt. An jenem Morgen ist er tatsächlich zu seiner Mutter gegangen und erklärte ihr, was in der zweiten Nacht nach meiner Ankunft passiert war.
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