Mit dem Teufel im Bunde
wissen wollen, als was Rosina die Notizen verstand und was sie dazu dachte. So hatte sie gesagt.
Aber zu welchem Zweck? Damit sie es Wagner berichte? Ein Weddemeister wurde ungern ins Haus gebeten, erst recht, um eine mögliche Familienschande zu begutachten. Sicher war es für Juliane angenehmer, es zunächst anstatt einer Amtsperson einer Frau anzuvertrauen, selbst wenn sie die so gut wie gar nicht kannte. Einer Vermittlerin. Wagner kannte sie noch weniger, wahrscheinlich überhaupt nicht. Und nun wollte sie überhaupt nicht, dass Wagner davon erfuhr. Passte das zusammen?
Lassner und Taubner? Das war eine Möglichkeit. Lassner lebte in Sankt Petersburg, Taubner hatte dort gearbeitet. Das war allerdings einige Jahre her, aber hatte Mademoiselle van Keupen nicht gesagt, der Mann ihrer Nichte habe schon vor der Heirat lange an der Newa gelebt? Und wie hatte Madam Augusta während des Kränzchens gesagt? Die Männer sehen mit ihren Perücken alle gleich aus.Das stimmte nicht ganz, aber im dämmerigen Licht, unter dem stets schwarzen Dreispitz, im langen schwarzen Mantelumhang – da waren sie bei ähnlicher Statur leicht zu verwechseln. Vielleicht war der Mann, den sie bei Taubner und Henrik in der Kirche gesehen hatte, gar nicht Karl August Struensee gewesen, sondern Lassner. Sibylla van Keupens Schwiegersohn, der heimlich von Sankt Petersburg nach Hamburg gereist war, um sie – zu töten? Dabei war sie sich so sicher gewesen, in Karl Struensee den Mann aus der Kirche wiedererkannt zu haben. Nun sah sie wirklich Gespenster. Wie sollte das heimlich gehen? Zumindest Tine, seine Frau und Sibyllas ältere Tochter, musste wissen, wo er war. Andererseits – so eine Spökenkiekerei! Im Übrigen würde sich zumindest das spätestens klären, sobald Tine in Hamburg eintraf. Wenn sie ohne ihren Mann kam, konnte die Frage erneut gestellt werden. Und aus triftigerem Grund.
Sie lauschte auf Magnus’ ruhige Atemzüge und fühlte den Schlaf zurückkehren. Doch plötzlich setzte sie sich mit einem Ruck auf.
Juliane van Keupen
und Taubner. Beide hatten einen gemeinsamen Grund gehabt. Die ganze Veranstaltung mit den Notizen und dem angeblichen gegenseitigen Verdacht hatte nur eine Finte sein sollen, um sie zu verwirren und auf falsche Spuren zu locken. Vielfältige breite Spuren. Und dann war dabei leider die Notiz über Lassner aufgetaucht, den Mann ihrer Nichte – falls sie ihn tatsächlich betraf, es war bisher nicht mehr als eine Vermutung –, und plötzlich war wieder ihre Familie im Mittelpunkt. Das hatte sie weder erwartet noch gewünscht, eine so gute Komödiantin konnte sie nicht sein.
Rosina ließ sich in die Kissen zurückgleiten und schmiegte sich an Magnus’ warmen Körper. Sie war einfach zu misstrauisch. Juliane van Keupen hatte eine schwereZeit, sie stand plötzlich allein, zudem mit der Gewissheit, um Glück und Besitz betrogen worden zu sein. Bis ihre Nichten und deren Ehemänner eintrafen, und wenn sie nicht einmal Taubner traute, dem Mann, dem augenscheinlich ihr Herz gehörte, war sie tatsächlich sehr allein.
Wie wäre es, wenn sie Magnus nicht mehr vertrauen könnte? Es wäre schrecklich, ein Sturz in die Verlorenheit.
Endlich holte der Schlaf sie wieder ein und löschte den letzten Gedanken. Gamradt, hatte sie gedacht, Gamradt und seine ganze Familie waren auch in Sankt Petersburg gewesen.
KAPITEL 11
MONTAG, 2. NOVEMBER
Rosina faltete den Bogen zusammen und steckte ihn in die Bibel. Dort würde er sicher sein. An die meisten Namen und die dazugehörigen Sünden in Sibylla van Keupens geheimer Mappe hatte sie sich erinnert. Falls es Wagner nicht gelang, die Bögen und Zettel zu bekommen, konnten ihre Notizen weiterhelfen. Immer noch dachte sie darüber nach, ob das ein Vertrauensbruch an Juliane van Keupen sein würde. Sie kam zu keinem Schluss. Mademoiselle van Keupen war ihr fremd, sie hatte ihr die Geheimnisse – und sie musste gewusst, zumindest geahnt haben, dass es sich um welche handelte – mehr aufgedrängt als anvertraut. So oder so, dieses Wissen um mögliche Täter und Täterinnen durfte sie nicht verschweigen. Es wäre nicht recht und zudem ein Vertrauensbruch an Wagner. Also hatte sie sich bei allem Unbehagen gegen Juliane entschieden, schweren Herzens bereit, als Verräterin zu gelten.
Sie hatte es Wagner heute sagen wollen, auch von ihrem Besuch im
Himmel
, doch er war nach Wandsbek gegangen. Er wollte Taubners Schwester befragen, hatte Grabbe ihr anvertraut, und selbst
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