Mord Im Garten Eden
vertrocknet wie ein Stück Dörrfleisch. Er war drahtig, hatte kleine braune Augen, schmale Lippen und einen Mund voller braunfleckiger Zähne. In seinen Backen steckte ständig ein Pfropfen Kautabak, der Conroy einen abgestandenen Geruch und seinem hageren Gesicht eine hamsterähnliche Kontur verlieh. Ich fragte mich ständig, wie er gleichzeitig reden und kauen konnte, ohne sich zu verschlucken. Conroy war Rentner. Er war früher irgendwo bei der Bundessteuerbehörde beschäftigt gewesen und hatte dort mäßig verdient. Jetzt, wie auch damals, mangelte es ihm an Freunden, weshalb in unserer Siedlung niemand überrascht war, als Conroy sich einen Kumpel zulegte - einen Pitbull namens Maneater.
Vielleicht war ich noch am ehesten das, was man als einen Freund von Conroy bezeichnen konnte, denn immerhin sprachen wir miteinander. Er und ich waren direkte Nachbarn in einem Wohnkomplex namens Sand and Sea Estates. Die Siedlung bestand aus Wohnquadern mit einem oder zwei Schlafzimmern, aufgebaut auf Einzelgaragen. Die tragenden Rahmen der Quader bestanden aus billigstem Bauholz, die Wände waren im Trockenbau aus hauchdünnen Gipskartonplatten aufgebaut und die Dächer mit Teerpappe gedeckt. Die Innenausstattung war gleichermaßen schäbig. Unter den Zimmerdecken fand man weißen Gipsputz, der wie Hüttenkäse aussah, und die Fußböden bestanden mehr oder weniger nur aus Zementplatten mit einem dünnem Filzteppichbelag. Wer würde einen solchen Schrott kaufen? Nun, Tatsache ist, dass diese Eigentumswohnungen schneller weggeschnappt waren als Fliegen vor einem Froschmaul.
Warum?
Die Wohnungen säumten nicht nur den goldenen Strand von Malibu Beach, sondern waren auch mit einem privaten Strandrecht verbunden. Das bedeutete, dass die Bewohner der Sand and Sea Estates im blauen Pazifik herumtollen konnten, ohne sich unter den ordinären Pöbel mischen zu müssen. Die Einheiten kosteten je nach Lage und Größe ab sechshundert Riesen aufwärts. Natürlich stand Conroy Bittunes kleines Stück Paradies auf der allerfeinsten Parzelle - einem Eckgrundstück mit Aussicht auf die berühmten Sonnenuntergänge von Malibu.
Und ich? Ich bin eine einfache Mieterin und bleche an meinen auswärtigen Vermieter monatlich achthundert für das Privileg, hier residieren zu dürfen. Irgendwann war ich in den Semesterferien hier heraus in die Sand and Sea Estates gekommen, um eine Freundin zu besuchen. Der endlosen Horizont, die sensationellen Sonnenuntergänge und dieser einzigartigen Nachthimmel, der sich manchmal schwarz wie Teer und mit Millionen blinkender Sterne präsentierte - all das hatte mich spontan in ihren Bann gezogen. Jetzt, fünf Jahre danach, fesselt das Meer mich immer noch. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Hausmeisterin, und meine Miete halte ich mit kostenlosen Reparaturen in meiner und einigen anderen Einheiten, die meinem Vermieter gehören, auf niedrigem Niveau.
Mein Kontakt mit Conroy hielt sich sehr in Grenzen. An einem Samstagmorgen war sein Abflussrohr geplatzt, Wasser war ihm ins Gesicht gespritzt und hatte sich in seine ultramoderne Kompaktküche ergossen. Um sieben Uhr früh hatte er an meine Tür gehämmert, mich aufgeweckt und von mir verlangt, etwas zu unternehmen.
Conroy bittet nie, er verlangt.
Da ich ein umgängliches Mädchen bin, überhörte ich geflissentlich seinen groben Umgangston und ging mit nach nebenan. Die Rohrreparatur dauerte gerade mal fünf Minuten - ein Anschlussstutzen hatte sich gelöst - und nur, um ihm zu zeigen, was für ein Goldstück ich bin, verlangte ich nicht einmal Geld dafür. Natürlich bedankte er sich nie bei mir, aber von jenem Tag an war ich die Einzige im Komplex, der er nicht mit Klage drohte. Wir wurden nie so vertraut miteinander, dass wir richtige Gespräche führten - mit gegenteiliger Anteilnahme und so. Aber ich passte auf seine Wohnung auf, wenn er in Urlaub fuhr, was ungefähr viermal pro Jahr vorkam.
An einem Freitagnachmittag tauchte Conroy vor meiner Tür auf, strahlte wie ein frischgebackener Vater und stellte mich dem Pitbull vor. Der Hund war weiß und schwarz, schien nur aus Muskeln zu bestehen und verfügte über Zähne wie Rasiermesser.
Conroy spuckte einen Pfropfen Tabak in meinen Geranienkasten. Ungerührt kaute er seinen Skoal weiter und meinte: »Ich brauch dich nicht mehr, Lydia.« Er spuckte noch einmal. »Darf ich vorstellen? Mein Wachhund Maneater.«
Der Hund war angeleint und fletschte - quasi als Willkommensgruß - erst einmal die
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