Mordskind: Kriminalroman (German Edition)
du befindest dich nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Kaffeekränzchen und Abendessen, das ist heutzutage Standard bei solchen Anlässen. Um einen Zauberclown und ein Mietkarussell bin ich dieses Jahr noch gnädig herumgekommen, denn Seibts hatten ihr Pony hier. Wie du siehst, hat es meinem englischen Rasen den Rest gegeben. Übrigens stehst du gerade in seiner Hinterlassenschaft.«
Jäckle blickte gequält an sich hinunter. »Es ist eine Schande, daß es keine professionellen Schuhputzer mehr gibt.«
»Vielleicht solltest du heiraten.«
Jäckle drückte ihr als Antwort das Paket in die Arme, da Simon gerade mit Kochlöffel und Augenbinde zwischen den Pferdeäpfeln herumkroch, auf der Suche nach einem Blecheimer, unter dem sich neue Schätze verbargen. Paula sah ein wenig mitgenommen aus, fand er, aber er hätte sich eher gewundert, wenn es nicht so gewesen wäre. »Für Simon. Wenn sich der Sturm gelegt hat.«
»Danke«, sagte sie überrascht. »Daß du Simons Geburtstag weißt?«
»Ich habe überall meine Spione«, grinste er und wurde sich im selben Moment seiner Niederträchtigkeit bewußt.
»Was ist da drin?« fragte Paula neugierig.
»Ein Bausatz für ein Maschinengewehr. Wo ist denn Doris?«
»Doris? Der fiel vor einer Viertelstunde plötzlich ein, daß sie noch einen Termin beim Zahnarzt hat. Erst leiert sie diese … Orgie hier an, und dann verkrümelt sie sich.« Paula seufzte mitfühlend. »Ich kann’s verstehen, sie sah nicht sehr glücklich aus. Ich glaube, das ganze Treiben hier hat sie zu sehr an Max erinnert, seine Feste waren auch immer sehr aufwendig. In drei Wochen wäre er sechs geworden.«
»Und deine Tante?«
»Lilli hat bis eben tapfer durchgehalten. Jetzt ist sie nach oben und hat sich ein Stündchen hingelegt.« Paula runzelte bekümmert die Stirn. »Sie wird eben doch älter. Sie hätte rasende Kopfschmerzen. Der Föhn. Was glaubst du, was ich habe?« Sie fiel in einen verschwörerischen Flüsterton. »Ganz im Vertrauen: Am liebsten würde ich ein paar von denen knebeln. Kannst du mir mal sagen, warum manche Kinder bei allem, was sie tun, ein solches Gejohle von sich geben müssen? Wie können so kleine Körper solche Lautstärken produzieren?«
»Sie müssen spezielle Organe dafür haben. Ähnlich wie Ochsenfrösche«, erklärte Jäckle und grinste. »Wie ich sehe, bist du eine richtige Kindernärrin. Meinerseits will ich dieses heitere Idyll nun auch nicht länger stören. Ich geh’ dann lieber wieder.«
»Könntest du nicht ein paar Würstchen in einen Topf werfen?« bat Paula. »In der Küche sind keine Ochsenfrösche, dafür garantiere ich, und im Kühlschrank fährt auch noch irgendwo ein Bier rum.«
»Wenn’s sein muß«, nickte Jäckle ergeben und ging. Er war froh, daß Paula die Reserviertheit abgelegt hatte, mit der sie ihm seit Bosenkows Festnahme begegnet war. Ein wenig verlegen nach allen Seiten grüßend kreuzte er die Terrasse, als sei sie ein Minenfeld, und verschwand eilig im Haus. Die Damen kicherten.
Bis auf Annemarie Brettschneider waren alle Eingeladenen gekommen. Mit ihr hatte Paula auch nicht wirklich gerechnet, aber sie nicht einzuladen wäre einer offenen Kriegserklärung gleichgekommen, und Paula fand, sie habe auch so schon genug am Hals. »Du hast so wenig Kontakt, Paula«, hatte Doris gesagt, »schließ endlich Frieden mit deiner Nachbarschaft, so ein Kindergeburtstag ist doch eine gute Gelegenheit.« Paula war äußerst diplomatisch vorgegangen, hatte die Einladungen an die Kinder gerichtet mit dem Zusatz »ihr dürft gerne Eure Mamas mitbringen«. Einen Hinweis auf die Papas konnte man sich sparen, es gab in der Siedlung keine Hausmänner. Überhaupt spielten die Männer im Alltag keine tragende Rolle. Von ihrer Existenz zeugten lediglich morgens ab- und abends anfahrende Mittelklassewagen. Zuweilen traten sie mit Rasenmähern, schwerem Gartengerät oder Gartenschläuchen bewehrt ans Licht des Tages, ansonsten nahm man sie nur an heißen Sommersamstagabenden wahr, wenn sie beim Versuch, den Gartengrill anzuwerfen, die Nachbarschaft einräucherten. Sogar Frau Lampert hatte ihrem arbeitslosen Gatten untersagt, wochentags draußen herumzulungern, sie schnitten ihre Hecken und wuschen den Wagen am Samstag, wie alle anderen auch.
»Den haben Sie aber gut im Griff«, bemerkte Sabine Aschenbach, die heute ganz in Türkis erschienen war, ebenso wie ihre Tochter Lena ganz türkis gewesen war, ehe sie auf einer Packung Mohrenköpfe ausgerutscht
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