Nicht mein Märchen (spezieller Festtags-Preis) (German Edition)
angesehen hatte, bevor ich ihn aus meinem Haus geschmissen hatte. Jetzt hätte ich gerne meine Arme um ihn gelegt, ihm gesagt, dass es mir leid täte und ich alles zurücknehme.
Aber der Stapel der Ausdrucke, die Matthew gemacht hatte war immer noch unter mein Sofa gestopft. Ich hatte sie dort in einem Moment der Faulheit hin getan, in dem ich sie besser weggeräumt hätte. Jason war bestimmt schon über mich hinweg. Selbst wenn ich ihn an dem Abend geküsst hätte, wäre es jetzt wahrscheinlich alles schon vorbei. Ich war nichts Besonderes für ihn.
Ich schlug das Magazin zu und schmiss es auf den Tisch.
Ein paar Wochen später besuchte mich meine Mutter zu Hause. Keine Tränen, keine Krise, einfach nur meine Mutter. Ich ließ sie herein, sie nahm auf dem Barhocker Platz und war still. Ich atmete tief durch und fragte: „Was?“
„Wie geht es dir?“
„Gut. Und dir?“
„Mir geht’s gut. Ich hab gehört du hast eine einstweilige Verfügung gegen Chris erwirkt?“
„Ja.“
„Ich denk, ich sollte das auch tun.“
Schuldgefühle trafen mich wie ein Schwall eiskalten Wassers im Gesicht. Das Haus meiner Mutter wurde beschädigt und mir war es nicht mal in den Sinn gekommen, sie in meinen Antrag einzuschließen. „Tut mir leid, ich hätte dir davon erzählen sollen. Aber, er ist wieder zurück im Gefängnis. Er hat fünf Jahre bekommen.“
„Oh. Okay.“
„Es ist nur…“ Es gab keine elegante Art, das hier zu Ende zu bringen. Ich war so besorgt um mich gewesen, dass ich nicht an andere gedacht hatte. Aber warum sollte ich auch an jemand anderen außer mich denken, dachte ich mir? Ich war diejenige die angeschossen und zum Sterben in der Wüste zurückgelassen wurde. Es schien mir nur fair, dass ich mich etwas egozentrisch aufführte.
„Ein Freund von mir arbeitet als Gerichtsschreiber,“ sagte meine Mutter. „Er meinte, du wärst großartig gewesen.“
Ich zuckte die Achseln.
„Immer so taff.“ Sie lächelte stolz.
„Es ist nicht so als hätte ich jemals eine Wahl gehabt.“ Die Worte kamen mit einem Anflug von Zorn.
Sie blinzelte überrascht und bekam dann ihren Gesichtsausdruck mit den weit aufgerissenen Augen. Sie fragte nicht, was ich damit meinte, oder versuchte sich zu verteidigen. Mein Ausbruch entfachte keinen Streit. Ihre Reaktion war viel schlimmer als das. Sie fing an zu weinen.
„Mom,“ schrie ich. „Benimm dich einmal im Leben wie eine Erwachsene!“
„Süße?“
„Chris hat mich angegriffen, nicht dich. Mich !“
„I-Ich weiß. Ich war da, als sie dich ins Krankenhaus einlieferten…“ Ihre Stimme verklang zu einem Flüstern, dann zu abgehacktem Schluchzen. Wenn sie gerade einen Oscar-Clip aufnehmen würde, wäre es perfekt gewesen, aber angesichts der Tatsache, dass das hier das echte Leben war, hatte ich das Bedürfnis sie zu erwürgen.
„Wie kommt’s eigentlich dass ich darüber nicht weinen darf? Warum muss ich die Starke sein? Wieso bist du überhaupt hierhin gekommen und redest über einstweilige Verfügungen? Hast du gedacht ich helf dir mit deiner? Eigentlich sollte es nämlich umgekehrt laufen!“
Mutter antwortete nicht, sie starrte mich nur weiter mit diesen großen, verletzlichen Augen an.
„Ich kann das nicht,“ sagte ich. „Mom, ich liebe dich, aber ich will dich gerade nicht in meiner Nähe haben. Ich kann dich nicht trösten.“
„Ich will nicht, dass du mich tröstest-“
„Also, du sitzt da heulend und was soll ich deiner Meinung nach tun? Ein Buch lesen gehn?“
„Ich erwarte nicht-“
„Was würde jede normale Person tun, wenn sie dich jetzt sehen würde? Wie würde sie sich bei all den Tränen fühlen? Diesem ‘Ich hab solche Angst‘ – Blick?“ Ich gestikulierte in ihre Richtung. „Du fragst vielleicht nicht gerade heraus nach Trost, aber ich kann dich ja auch nicht einfach ignorieren. Wann darf ich denn mal Angst haben und getröstet werden und all das? He? Das ist in zehn Jahren nicht einmal vorgekommen.“
Meine Mutter blinzelte einige Male, dicke Tränen rannen ihre Wangen runter. Sie nahm einen tiefen, zittrigen Atemzug und sah, wie immer, aus wie ein kleines Mädchen. Wie eins, das gerade von seiner Mutter angebrüllt worden war. Sie nahm einen weiteren tiefen Atemzug. „Okay,“ sagte sie. „Ich kann versuchen… das zu verstehen, aber ich werde nie vergessen wie es war, mein Baby so sehen zu müssen.“
„Ja, vielleicht versuchst du dir mal vorzustellen, wie es wäre, deinem Baby in dieser schweren
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