Parallelgeschichten
müssen Ihre infernalischen Rachegelüste ausnützen, statt sich ihrer zu schämen, keine Angst, bestenfalls wird man Sie dafür reichlich entlohnen.
Für mich ist es am besten, hatte damals Frau Szemző dem Architekten erklärt, wenn meine Patienten nicht voneinander wissen.
Es gibt solche Nächte, in denen die Wände der Budapester Mietshäuser die einmal in ihnen erstarrten Töne ausstrahlen.
Der Architekt hatte die Frau gründlich ausgefragt, um ihren Wünschen entsprechen zu können. Woraufhin er berechnet hatte, wo die Patienten einige Augenblicke warten können, um ein unvorhergesehenes Durcheinander zu vermeiden.
Gyöngyvér konnte davon nichts wissen und traute also ihren Ohren nicht. In jener Nacht hatten die jungen Pfeilkreuzler, die von einem fanatischen Seminaristen namens Mayer angeführt wurden, sämtliche Möbel aus den Fenstern dieser im sechsten Stock befindlichen Wohnung geworfen, und damit die irgendwo versteckten Juden die Wohnungen nie mehr benutzen konnten, hatten sie in Badezimmer und Küche jeden Wasserhahn geöffnet. Das Wasser stieg eine Weile, quoll über die Schwelle, und während es die Treppen hinunterfloss, gefror es, zuerst nur an den Rändern, an den folgenden Tagen dann überall.
Die doppelte Erfordernis von Transparenz und Verhüllung hatte den Architekten auf den Gedanken gebracht, dass hier Paravents nötig seien, oder etwas Paraventähnliches. Sobald jemand die Praxis betrat, musste er sicher sein können, in dem zu hellen Raum einen Schutz zu finden. Den Paravent stellte er auf, wo jetzt der schwarze Konzertflügel stand. Und er platzierte in dem Raum mehr Sitzgelegenheiten als nötig, ausschließlich eigenhändig hergestellte Stühle und Sessel.
Bitte beobachten Sie dann, wer welchen Stuhl wählt, bat er Frau Szemző.
Diese Objekte müssen frei im Raum stehen, erklärte er, und Frau Szemző musste sich Mühe geben, den Architekten zu verstehen.
Als hätten sie eine selbständige Persönlichkeit, ja, das werden sie auch wirklich haben. Mir geht es nicht darum, dass meine Gegenstände schön sind, sie müssen selbständig sein, von charakteristischer Kraft. Der eine Kranke wird sich ausschließlich auf einem bestimmten Stuhl niederlassen, der andere wird eher einen bestimmten Sessel wählen.
Es sind zwei verschiedene Menschentypen, ich habe das beobachtet.
Ach woher, lieber Architekt, ärgern Sie mich nicht mit Kranken und Menschentypen. Sie wissen doch, ich habe es Ihnen schon mehrmals erklärt, dass es das nicht gibt, für mich gibt es das nicht.
Noch gut, dass Sie mir nicht mit Rassentheorien kommen.
Es gibt keine Menschentypen, höchstens eine verschiedene Sozialisierung. Oder es liegt eine Störung der gesellschaftlichen Beziehungen vor, was das Benehmen eigen macht, aber krank ist deswegen niemand. Genau da schalten wir beiden uns ein. Ins Bezugssystem. Verkehrspolizisten sind wir, mehr nicht, glauben Sie mir. Ich kann niemanden heilen. Aber zuweilen genügt ein kleiner Kunstgriff, damit sich die Bedingungen des seelischen Funktionierens verändern und die Veränderung gegebenenfalls auch auf die historisch definierte Umgebung zurückwirkt.
Im Prinzip jedenfalls.
Madzar musste sich alle Mühe geben, das alles zu verstehen. Er lachte sie auch ein bisschen aus, um diese Erörterungen aufzulockern.
Ach, haben Sie doch nicht solche Angst vor mir, sagte er ironisch, ich habe im Prinzip alles verstanden und mir gemerkt, selbst wenn mir Ihre Formulierungen nicht so leicht über die Lippen kommen.
Und auch nicht in mein Denken, um die Wahrheit zu sagen.
Ich nehme die Patienten nur auf eine Erkundungsreise mit. Mit Ihren Gegenständen und dem Raum sollten wir ähnliche Impulse vermitteln, die Wörter hingegen können Sie ruhig ihnen überlassen.
Frau Szemzős Strenge reizte Madzar zum Lachen. In einer solchen im Namen einer Utopie praktizierten Askese erkannte er sich wieder, auch das reizte ihn, und ebenso reizte ihn, dass sie aber immer noch eine Frau war.
Mit so überholten Begriffen wie Kranker, seelische Krankheit, Symptom und Menschentyp kommen wir wirklich nirgendhin. Sie dürfen nicht so schamlos gegen mich arbeiten, sonst können wir uns von unseren sogenannten gemeinsamen Vorstellungen verabschieden.
Halt, halt, sagte Madzar laut lachend.
Nicht so rasch. Manchmal zieht man unwillkürlich Grenzen, aber ich nehme alles zurück, Verzeihung, ich sehe alles ein, nehme es zurück und erkläre im Chor mit Ihnen, dass es keine Grenzen gibt.
Zwischen
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