Parallelgeschichten
muss in der Tat die dramatische Beziehung in positivem Sinn erfassen. Tonio Krögers destruktive Dekadenz befremdete ihn, auch wenn er schon sah, dass Frau Szemző gerade deshalb darauf bestand, dass er das Buch las, wobei sie seine kindische Abwehr genussvoll betrachtete. Zuerst musste er ja seine Abscheu vor der Dekadenz akzeptieren, bevor er sie von sich abspaltete und verstand. Aber auch er belächelte Frau Szemző, sie konnte noch so interessante Dinge sagen, sie blieb doch eine Frau, die ihn anzog oder der er sich nicht entziehen konnte, und damit befanden sie sich beide auf der Bauchebene.
Als müsste diese Anziehung verhindern, dass er etwas viel Wesentlicheres und Grundlegenderes verstand.
In Frau Szemzős Augen stellte er, verglichen mit diesem lahmarschigen, höchstwahrscheinlich impotenten Tonio Kröger, bestimmt etwas Starkes, Halsstarriges, Ursprüngliches dar; er repräsentierte für sie den archaischen Menschen. Jedenfalls kam es ihm so vor, wenn er sich Mühe gab, ihrem Denken zu folgen. Sie sieht mich, wie ich nicht bin, dachte er, und auch nie war. Die braucht einen Schlappschwanz wie diesen Tonio Kröger, und dabei lebt sie mit einem so brutalen Charakter zusammen wie dem Szemző. Es schmeichelte ihm, dass er in ihren Augen so sehr von dem weinerlichen Tonio Kröger abstach, und vielleicht auch von ihrem Mann. Dem brutalen Szemző zu ähneln war immer noch besser als dem Tonio. Der Stuhl überließ sich keiner Nostalgie, keiner Katastrophe, sowenig wie den kleinen Tragödien des Lebens und dem feinen Weltschmerz, darin glich er Tonio Kröger, der sich auch nicht der physischen Ausschweifung überließ, der Stuhl tat nicht schön. Über den sensiblen Sachlichkeitsanspruch des Stuhls wusste Madzar fast alles. Es war nur logisch, dass er sich von der deutschen Dekadenz befremdet fühlte. Und nicht weniger von Frau Szemzős jüdischer Dekadenz. Nicht nur Thomas Mann löste bei ihm starke Abwehr aus, sondern es fiel ihm auch schwer, Werke von Wagner, Mahler oder Richard Strauss zu Ende zu hören, von denen wurde ihm übel.
Schon viel früher, in seinen Weimarer Studienjahren, war der Stuhl Madzars Spezialität gewesen, und wenn er mit seiner Arbeit je unzufrieden gewesen war, dann jedenfalls nicht, weil ihm in Bezug auf seine plastische Begabung oder sein absolutes Raumgefühl Zweifel gekommen wären. Seine Probleme waren seine angeborene Bequemlichkeit, seine archaische Langsamkeit, schon deswegen verstand er die Rede- und Denkweise der Budapester Jüdin gut. Er vermochte den Rhythmus seiner angestammten Umgebung nicht abzulegen. Er sah das, es zu sehen war aber auch schrecklich wie ein Urteil.
Er schleppte Mohács mit.
Höchstens konnte er versuchen, den Schlüssel zu seiner Langsamkeit und Verhaltenheit zu finden, denn in fremder Umgebung erkannte er, dass Langsamkeit und Verhaltenheit auch ihre Vorteile hatten; aber dazu hätte er den eigenen ewigen Verlierer gern bekommen müssen. Mohács’ vernichtende Dekadenz liebgewinnen. Doch er empfand in erster Linie sich selbst gegenüber Gleichgültigkeit, und auch gegenüber dem verlassenen Städtchen empfand er nichts anderes. Er konnte einen Ort, dessen letzter kopflos fliehender Mitbürger schon Jahrhunderte zuvor umgekommen war, nicht liebgewinnen. Ebenso wenig konnte man die ungezügelten Wirbel und großen Hochwasser des Flusses liebgewinnen, die einen schluckten und als leblosen Gegenstand mit sich rissen. Auch wenn er in diesem letzten, vielleicht allerletzten Mohácser Sommer, trotz seelischer Belastungen und ärgerlicher technischer Unzulänglichkeiten, mit der historischen und der persönlichen Zeit, mit der Askese und der Dekadenz ziemlich ökonomisch umzugehen verstand.
Fünfzehn Möbelstücke musste er während ein paar gestohlener Wochen herstellen.
Sich selbst hatte er diese Zeit gestohlen, wem denn sonst. Er hätte sie nicht vertrödeln, sondern gleich Mies van der Rohe nach Amerika folgen sollen.
Aber mit den imprägnierten Schwellen hatte er ein unglaubliches Schwein gehabt, ein unerklärliches Glück. Das rätselhafte Imprägniermittel hatte zwar einen unangenehmen Geruch, es erinnerte an Baldrian, hinterließ aber sonst keine Spuren und verlieh dem Holz eine dunkelviolette Farbe und eine ganz außerordentlich seidige Oberfläche. Während in Buda oben, in der Dobsinai-Straße, die Dachdecker und die Fliesen- und Parkettleger am Werk waren, konnte er in Mohács an den dunkelviolett seidigen Möbeln für Frau Szemzős Praxis
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