Parallelgeschichten
eigentlich gab es am Stuhl nichts mehr zu vereinfachen. Rietveld gegnüber konnte er höchstens die Proportionen verändern, dem Material, der Textur einen stärkeren Akzent verleihen, wie es vom Holz selbst diktiert wurde. Einen stärkeren Akzent als bei Rietveld, und nur Madzar wusste, dass es nichts anderes war als unverhofftes Glück.
Auf diesen fast unwahrscheinlichen Erfolg war er besonders stolz.
Mit dem Warten aufs Unerwartete quälte er sich hingegen gründlich.
Oder Bellardis wiederentdecktes Dasein war es, was ihn quälte, dass er ihn immer noch liebte, allen seinen Lächerlichkeiten zum Trotz.
Er hatte doch ohne ihn ganz zufrieden gelebt.
Es war nicht nur die Verpflichtung Frau Szemző gegenüber, die ihn davon abhielt, zusammenzupacken und abzureisen. Dies war ein gefährlicher Ort. Es fielen ihm gefährliche Dinge über Bellardi ein, beziehungsweise er sann seinetwegen süßen, wünschenswerten alten Dingen nach, an die er sich eigentlich überhaupt nicht erinnern wollte. Wenigstens musste er nicht an Frau Szemző denken, solange er an Bellardi dachte; er konnte nicht anders, als ihn zu erwarten. Oder er wollte Dinge vergessen, die ihm im Zusammenhang mit Bellardi einfach in den Sinn kommen mussten. Wenn er doch nach Buda fuhr, um die Arbeiten auf dem Orbán-Hügel zu überwachen und auch in der Szív-Straße vorbeizuschauen, beim Möbelschreiner, der die Inneneinrichtung machte, nahm er lieber den Zug, um Bellardi nicht zu begegnen. Mit Frau Szemző verkehrte er ausschließlich telefonisch, sagte, er müsse gleich wieder zurück, er arbeite ja fleißig an den speziellen Stücken der Praxiseinrichtung. Er hätte sich allerdings nicht eingestanden, dass diese Arbeit das Wichtigere war; das hätte auch Mut gebraucht, da ja Frau Szemző mit ihm überaus zurückhaltend sprach.
Was maßlos wehtat.
Obwohl er für einen solchen Schmerz keinen Anlass hatte, auch kein Recht darauf, weil er eigentlich immer Bellardis wegen nach Mohács zurückeilte.
Er befürchtete, Bellardi könnte ihn unterdessen dort suchen, und sie würden sich endgültig verpassen, vielleicht für den Rest des Lebens.
Der Frau wollte er mit Hilfe dieser Möbel aus dem Weg gehen, Bellardi hingegen entkam er ungern.
Manchmal ertappte er sich dabei, dass er den Nachrichten nicht einmal dann folgte, wenn er sie sich anhörte. Wie hätte er hören sollen, was im vermaledeiten Radio seiner Mutter gesprochen wurde, wenn sie mit leidenschaftlicher Gründlichkeit Petersilie hackte.
Mutter, jetzt hört doch einen Augenblick auf.
Ihr seht doch, dass ich Radio höre.
Nach einiger Zeit musste ihm seine unbegründete Gereiztheit auffallen. Jedes Geräusch störte ihn. Nicht bei der Arbeit, das kann man nicht sagen, aber bei dem inneren Vorgang, bei dem sich auf Vergangenheit und Zukunft hin öffnenden inneren Monolog, der zum Bestandteil seiner Arbeit geworden war. Das schrille Kreischen der Uferschwalben brachte ihm Frau Szemző so nahe, dass es nicht viel nützte, sich mit Bellardi abzulenken, er musste immer auch an sie denken. Als müsste er den Bellardi mit Frau Szemző totschlagen, oder wenn das wegen der Schwalben nicht ging, dann umgekehrt.
Der Sommer rundete sich allmählich, und plötzlich wurde er gewahr, dass das ja tatsächlich Schwalben waren und die Tage immer wärmer wurden.
Wegen eines anderen Menschen nicht an den Menschen denken, an den er denkt. Wie schön wäre es, mit Frau Szemző inmitten der kreischenden Schwalben am Ufer zu spazieren, und um seiner Zerrissenheit zwischen zwei Menschen ein Ende zu machen, beschloss er sogar, vor Bellardi den Kopf zu neigen und sich ihm nicht zu widersetzen. Frau Szemzős Anziehung würde er nicht nachgeben, nein, es genügte, dass er für sie arbeitete, diese ganze Geschichte mit Frau Szemző bildet er sich ja doch nur ein, um jene unglückselige Rotterdamerin, die bei ihrem Mann geblieben war, zu vergessen, und vor allem ihren Mann zu vergessen, von dem er ungewollt alles wusste, was sich als zu viel erwiesen hatte. Er wollte jetzt nicht wieder von einem anderen Mann alles wissen. Und wie man eben ist, vergaß er sie auch, auch wenn die Frau nicht aus seinen Gliedern, seinen Haarwurzeln und den Geschmacksknospen seiner Zunge und Mundhöhle verschwand. Aber er hatte keine Zeit, sich in irgendwelche Abenteuer zu verwickeln, nur um sie zu vergessen.
Er darf sich nicht um diese Zeit bringen.
In Amerika wird es noch genügend Jüdinnen geben.
Dem Bellardi hingegen, beschloss er,
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