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Parallelgeschichten

Parallelgeschichten

Titel: Parallelgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Péter Nádas
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würde er gleich zusagen, er würde ihn mit einem schnellen, entschiedenen Ja überraschen.
    Schon wegen Bellardis dummer Agitiererei konnte er nicht hierbleiben.
    Ich habe darüber nachgedacht und meine Meinung geändert, so würde er zu ihm sprechen.
    Es fiel ihm überhaupt nicht ein, sich in irgendetwas hineinziehen zu lassen, aber er würde es so sagen, er würde die Sache so lösen, mit einem männlichen Ja. Nichts lag ihm ferner als die Belange des Ungarntums und alle diese kindischen Angelegenheiten, alle diese kleinen Konspirationen. Nachvollziehen konnte er es schon, das Unterfangen hatte seine Logik, und es würde ihm nicht schwerfallen zu tun, als akzeptiere er. Er würde es genauso machen, wie es Bellardi in einem solchen Fall täte: seine Zurückhaltung in neugierige Fragen packen, Begeisterung und Bewunderung heucheln, dann abwarten und beobachten, sich mit niemandem auf eine Diskussion einlassen, alle Fäden in der Hand behalten.
    Die Ungarn drücken sich vor Entscheidungen, auch er tat es instinktiv.
    Er wollte Bellardis Wohlwollen nicht verlieren, auch wenn er nicht zu sagen gewusst hätte, wozu er es benötigte, oder ob ihre Beziehung irgendeiner rätselhaften Notwendigkeit gehorchte, hinter der vielleicht etwas Archaisches steckte, das sie seit der Zeit vor ihrer Geburt verband, vielleicht war es ja auch nur der Glanz der gemeinsamen Kindheit, er konnte es sich nicht erklären, aber auch nicht darauf verzichten, doch selbst dann, was hätte er davon.
    Als messe sich eine Freundschaft am Nutzen.
    Wozu brauchte er einen solchen Unglücksvogel, was geht mich ein solcher erstklassiger Schaumschläger an.
    Zuerst musste er alles ordentlich zuschneiden, was einen solchen Lärm machte, dass man kaum an jemanden denken konnte. Die dafür erforderlichen Zeichnungen machte er auf einem großformatigen englischen Skizzenblock. Er genoss das Zeichnen, unterdessen arbeitete er die Antworten an Bellardi in allen Einzelheiten aus. Manchmal schlich sich eine unangenehme Spannung in die Skizzen ein. Das Gewaltsame schaute auf ihn zurück. Bellardis Vorschlag samt allen peinlichen Verpflichtungen ließen sich wirklich am besten abweisen, wenn er Begeisterung heuchelte. Eine Vergewaltigung, sagten die heftigen Striche. Mehrmals zeichnete er auch seine Mutter, wie sie mit ihrem glatten, hinten verknoteten weißen Kopftuch in der Tür der Werkstatt steht.
    Sie stand gern dort, im Lärm des Abschleifens.
    Wie ich da heute im Laden bin, höre ich, die Gottliebs sind nach Amerika gegangen.
    Wer, wohin, rief Madzar durch den Lärm hindurch, die Nachricht überraschte ihn so, dass er sie gar nicht verstand.
    Beim Zeichnen schliff er den Schein zurecht, den er Bellardi und Frau Szemző gegenüber wahren wollte, riss die gewalttätigen Zeichnungen vom Block und zerknüllte sie.
    Eine Zeichnung von seiner Mutter würde er nach Amerika mitnehmen.
    Und sein Geld auf eine andere Bank transferieren.
    Wozu er wieder in die Hauptstadt fahren müsste.
    Aber das wagte er wirklich nicht mehr, wenn Bellardi bisher nicht gekommen war, würde er jetzt sicher kommen. Er machte ein paar Zeichnungen von ihm, aus der Erinnerung, ganz nett gelungene, aber auch die riss er heraus, verbrannte sie sogar, eigentlich hätte er am liebsten hübsche kleine Jungenakte von ihm gezeichnet. Dann musste er doch wieder eine Zeichnung machen, um eine für sich zu haben, bis er im nächsten Anfall auch die verbrannte.
    Mit Hilfe des Fahrplans der Carolina rechnete er aus, wann Bellardi in Mohács war.
    Überhaupt musste er viel rechnen, und diese Berechnungen verschiedener Art kreuzten und begleiteten einander.
    Na schön, dann ist er heute eben nicht gekommen, aber übermorgen könnte er wirklich kommen. Zu wissen, dass Bellardi jeden dritten und fünften Tag auf der Donau an Mohács vorbeifuhr und doch nicht ausstieg, wurde fast unerträglich. Die Rechnerei sollte auch verhindern, dass ihn Bellardi überraschte. Also ist er auch heute nicht gekommen, das wird für die folgenden paar Stunden eine Erleichterung bedeuten. Gott sei Dank kommt er nicht. Er ertrug die Sprunghaftigkeit und Unbeständigkeit seines einstigen Freundes nicht, der soll doch gar nicht kommen. Dann aber hielt ihn dieser Gedanke gefangen, dass Bellardi gar nicht kommen soll, weil er seine Sprunghaftigkeit nicht erträgt. Wenn an den dritten und fünften Tagen die kritische Stunde kam, sich die Minute näherte, geriet das Blut in seinem Kopf in Wallung, er spürte, wie er peinlich

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