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Parallelgeschichten

Parallelgeschichten

Titel: Parallelgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Péter Nádas
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in der er auf einem Ast sitzend den kleinen Krüppel bemerkt hatte. Guck mal, da liest er, denn der las immerzu, nahm seine Bücher überallhin mit, und dann stellt sich plötzlich heraus, dass das Keilband zu lose ist, und so weiter.
    Oder er dachte gerade über wichtige Einzelheiten nach, als ihn fast der Gedanke überrumpelt hätte, dass sie die Täter waren, hätte er beim Marschieren das Erinnern nicht abgestellt.
    Bellardi kam nicht.
    Er hätte es gern aufgegeben, aber die Befremdung, Beklemmung angesichts von Bellardis Launenhaftigkeit, das elementare Staunen angesichts einer andersartigen inneren Dynamik und die rohe Existenzangst, was seine eigene Zukunft betraf, waren zu stark. Er würde in Amerika tatsächlich keinen einzigen Wagen haben, geschweige denn zwei. Ich bin ein Träumer, ich tauge zu nichts. Wieso hat dieser Gottlieb ausgerechnet nach Amerika gehen müssen, verflucht noch mal.
    Wieso haben ihm die Gottliebs diese Freude nicht gelassen.
    Und so wartete er eben, damit ihn Bellardi nicht unvorbereitet überraschte. Weder vom Bauleiter noch vom Tischler kam ein Telegramm, das ihn zu den Arbeiten nach Buda gerufen hätte. Die Fladen mit Pflaumenmarmelade, die Weichselstrudel und Kirschkuchen aßen er und seine Mutter auf, oder Nachbarn und Verwandte nahmen sie mit, während die Mutter immer wieder auf der Insel Nachschub an frischem Obst holen ging. Die leichten Weißweine, die er von den Rebenpflanzungen der Stricker-Verwandtschaft im Süßloch oder dem Csele-Bachtal nach Hause brachte, trank er selbst, nachts auf der dunklen Veranda sitzend. Er machte kein Licht. Wieso hätte Bellardi auch kommen sollen. Sein Leben war ja nichts anderes als eine Reihe von Versprechen, die er nicht einmal sich selbst gegenüber halten konnte. Was für eine gemeinsame Angelegenheit sollten sie beide denn haben. Gar keine. Andererseits war Bellardi wohl verletzt, dass er so abweisend gewesen war. Nur konnte er sich nicht vorstellen, wie er anders als abweisend hätte sein können, oder wie er hätte sein müssen, um nicht abweisend zu wirken. Was müsste er von seinem Vorschlag akzeptieren. Am folgenden Tag marschierte er doch wieder aus der Stadt hinaus, mit einer leeren Korbflasche, um Wein zu holen, saß wieder einfach mit ein paar Alten beim Schoppen herum, bis es über den Weinkellern ganz dunkel geworden war.
    Falls Bellardi jetzt kam, sollte er ihn nicht zu Hause antreffen.
    Zwischendurch regnete es, er konnte tagelang nicht hinaus.
    Allmählich musste er auch einsehen, dass seine emotionale Bindung, zwar überlagert von den zwölf Jahren des Vergessens, immer noch stark und ungebrochen vorhanden war, ja, dass er sie sogar am Leben erhielt. Er erlaubte den geheimsten Bildern, immer wieder stumm zurückzukehren, er schwelgte in ihnen, freute sich an ihnen. Obwohl er doch Bellardi mitsamt Mohács vergessen wollte. Ein Ort, wo die Leute arglos in ihre Reben hinausgehen, die Ranken zurückbinden, die Erde hacken, mit der Axt die Pfähle tiefer einschlagen, und plötzlich tut sich unter ihnen die Erde auf.
    Die bröckelige Tiefe der mittelalterlichen Kellergänge hatte schon einiges geschluckt und begraben.
    Der Gottlieb-Junge hatte auf der Weide gesessen, und sie hatten ihn mit Steinen beworfen.
    Er konnte sich nicht mehr erinnern, wer angefangen hatte. Zuerst mit kleinen Uferkieseln, der Junge riss den scharf gezeichneten kleinen Kopf hin und her, während sie unten stumm lachten, sie krümmten sich und zuckten vor Lachen wie Schlangen, ganz konnten sie das Lachen nicht zurückhalten, aber wenigstens hielten sie den Ton zurück. Zuerst verstand der kleine Bucklige nicht, woher diese Pikser kamen, die beiden, Madzar und Bellardi, zielten gut. In dem Ganzen schwang auch mit, wie stark und wohlgewachsen sie waren, der da hingegen hatte nicht bloß einen Buckel, sondern auch eine Hühnerbrust. Sie warteten, bis der kleine Wurm wieder in seine Lektüre vertieft war. Dann ließen sie es aus vollen Händen auf ihn hageln, damit er reagierte und es ihm wehtat.
    Die Sache wurde immer ernster.
    Festhalten soll er sich müssen, loslassen das Buch.
    Nach einer Weile sahen sie, dass der Krüppel begriffen hatte, aber in seinem großen jüdischen Stolz tat er, als sei er völlig in sein Buch vertieft.
    Sie lachten nicht mehr.
    Mit größeren Steinen ging es leichter. Man hörte sie laut auf dem Körper auftreffen, das Wasser rauschte. Anderes war in der Sommerlandschaft nicht zu hören.
    Er tat immer noch, als nehme er die

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